Ach, wie gut, dass niemand weiß…

… dass ich Rumpelstilzchen heiß. Ich habe das Gefühl, seit Jahren um diesen inneren Gegner zu kreisen und trotzdem immer noch keinen passenden Begriff dafür gefunden zu haben. Schwäche, Unsicherheit, Überempfindlichkeit, Autismus, soziale Phobie, Minderwertigkeitskomplex, Unterordnung, Angststörung, eine Art Narzissmus, Borderline, posttraumatische Belastungsstörung, Nebelzustand ??? Ich merke auch immer noch nicht immer, wie, wann und warum ich von einem stabilen Zustand in diese Unsicherheit und Überempfindlichkeit hineinrutsche. Ich merke es, wenn ich dann dort angekommen bin. Zeit, mal wieder einen Schritt zurück zu treten und sich alles im Überblick anzusehen.

 

Symptome:

• Großer Drang nach Rückzug in eine bekannte Umgebung mit sehr vertrauten Personen.

• Keine Lust auf Kommunikation mit fremden Menschen, auch Vermeiden von Blickkontakt

• Schwierigkeiten, Grenzen zu ziehen, wenn jemand eine Erwartung an mich hat. Schwierigkeiten, eine klare Haltung zu zeigen, Neigung zu einem schlechten Gewissen, so dass ich meistens versuchen werde, diese Erwartung zu erfüllen.

• Viele Gedanken der „Außensicht“. Z.B. „Wirft mir gerade jemand etwas vor? Kann man mich für dieses oder jenes Verhalten verurteilen? Habe ich jemanden gekränkt?“

• Die „Innensicht“ ist stattdessen seltsam leer. Ich fühle mich selbst nicht richtig bzw. das, was ich gerade will. Der eigene Fokus ist weg. Ich weiß nicht, was in der jeweiligen Situation gerade angebracht ist. Daher passe ich mich dann so gerne dem Willen der anderen an und bin froh, wenn ein anderer Regie führt. Vielleicht habe ich noch einen schwammigen Drang nach Alleine-Sein, aber selbst der ist unklar und verschwommen. Und ich will ihn vielleicht auch nicht mitteilen. Denke, das muss geheim bleiben, sonst kränke ich oder sonst werde ich verlassen oder bin noch weniger wert?

• Unfähig, mich aktiv zu empören, sauer zu werden, wütend zu werden. Wenn mich etwas kränkt, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle, dann flüchte ich und weine. Keine Bereitschaft auf Konfrontation zu gehen, auch nicht oder schon gleich gar nicht auf eine vernünftige Konfrontation. Einziges zur Verfügung stehendes Mittel ist Rückzug, weinen, Selbstmitleid, Depression. Ich bin bereit, die Beziehung zur anderen Person kampflos aufzugeben. Aber: ich kann wohl aggressiv sein, sehr sogar. Sehr destruktiv aggressiv. Auch sehr abwertend und intolerant. Sehr schnell reizbar und dann aggressiv nach dem Motto: „Lass mich doch einfach in Ruhe und hau ab!“, was ich aber nur oft denke und quasi nie sage, weil ich weiß, dass es unangebracht ist. Ich kann nicht jedem anderen Fußgänger auf dem Gehweg sagen, er soll sich verpissen, weil ich da heute alleine laufen will.

• Eine Art Mattheit, Müdigkeit, Faulheit, keine körperliche Anstrengungsbereitschaft, ein unfitter Kreislauf.

• Keine Lust auf Albernheit, auch nicht auf eine ausgelassene Stimmung, vielmehr auf Problematisieren, Denken und Analysieren. Und das ist vielleicht die kleine Stärke, die in dieser „Störung“ liegt. Es ist ein Zustand mit sehr hoher Konzentrationsfähigkeit. Das Gehirn ist extrem sensibel, erkennt besonderes und wertvolles in Gedanken, die mir sonst keine Millisekunde wert wären. Das Bewusstsein geht völlig in der inneren Denkerei auf. Alles außen herum kann hervorragend ausgeblendet werden. Von außen mag das manchmal wie eine Art ernste Traurigkeit wirken. Für mich selbst ist es aber, wenn ich der Denkerei und Grübelei nachgehen kann, überhaupt nicht schlimm. Es ist vielleicht sogar ein Genuss. Ich bin eigentlich zufrieden.

• „Du bist mysteriös, man weiß nie, was du eigentlich denkst!“ Ja, aber das mache ich nicht absichtlich… Das passiert vielleicht durch diese fehlende Innensicht. Gegenbeispiel wäre Evelyn Burdecki, die letzte Dschungelkönigin (ja, ich schaue es, gern sogar). Die hat für mich einen der schlauesten Sätze gesagt oder wiederholt. Es war ein Rat ihrer Freundin. In etwa: „Evelyn, sag alles offen heraus, die Leute da draußen vor den Fernsehern müssen dich fühlen können!“ Und das hat sie perfekt und sympathisch umgesetzt. Das ist oft undenkbar für mich, unvorstellbar. Wahrscheinlich, weil ich oft gereizt bin und eben nicht gesellig und vielleicht auch einfach anderen Menschen nicht so positiv gegenübertreten kann wie zum Beispiel Evelyn. Zumindest nicht in diesem Zustand der Unsicherheit.

• Empathie: Ein großer Begriff, den man näher unterteilen muss. Es ist nicht der Fall, dass ich in diesem speziellen Zustand empathielos wäre. Ich kann immer noch sehr gut verstehen, wie sich jemand fühlt, wenn er sich schlecht und klein fühlt, vielleicht weil ich mich eh auch gerade so fühle. Was aber ganz schwer ist, bzw. was ich in diesem Zustand einfach nie automatisch machen würde, ist, einzuschätzen, welche Wirkung ich gerade auf andere habe oder haben will. Vielleicht eine Art Kapitulation. Ich fühle mich so schwach, dass ich eh weiß, ich habe gerade nicht die Energie, meinen Standpunkt klar zu machen und zu verteidigen. Dadurch kommt es zu dieser Kaugummipersönlichkeit. Ich kann nichts so klar ablehnen, kein so klares Nein sagen, dass es leicht zu akzeptieren ist. Man merkt von außen immer „Naja… so sicher ist sie da nicht, da kann man noch was drehen.“ Man riecht mein schlechtes Gewissen, meine Unsicherheit.

• Verlust von Wichtigkeiten: Der Mangel an Entschlossenheit kommt auch daher, dass vieles mir so egal wird in diesem Zustand. Ich fühle den Sinn in den Dingen nicht mehr.

• Bei echten Vorwürfen: Ich bin maximal angreifbar. Ich fühle mich von den absurdesten Vorwürfen tief gekränkt, entwertet, klein. Zumindest auf den Gebieten, auf denen ich tatsächlich verletzlich bin.

• Gefühl von Chaos. Wahrscheinlich, weil ich zwanghaft versuche, die Außenwelt zu begreifen in allen kleinen Facetten, in der Hoffnung, ihr Herr zu werden. Aber das ist einfach zu viel, nicht machbar. Vieles würde vermutlich auf einen Schlag einfacher werden, mit mehr Fokus auf Innen.

 

Auslöser/ Gegenmittel:

• zu viel Schlaf und Schlaf generell. Es ist am schlimmsten am Vormittag und wird nachmittags meistens viel besser. Außer: Ich schlafe am frühen Nachmittag, dann ist es danach sehr schlimm, oft noch schlimmer als am Vormittag. Auch nach einem Schlaf mit intensiven Träumen ist es meistens schlimmer.

• matter Kreislauf. Es kann zum Beispiel mit Bewegung und frischer Luft etwas besser werden.

• Hormone. Ohne näheres dazu zu wissen. Aber in der Schwangerschaft und unter der Pille ist es schlimmer.

• Nach Episoden mit großem Stress oder langen Arbeitsphasen ohne ausreichende Erholung.

• Wenn ich mich zurückziehe, wird es noch schlimmer. Wenn ich dagegen trotzdem rausgehe und mich mit wem auch immer unterhalte oder treffe oder irgendwie in Kontakt bin, normalisiert es sich meistens. Außer: Ich bin z.B. zu lange am Stück mit meinem Partner zusammen, ohne dass man sich mal ein, zwei Stunden für sich selbst nimmt. Dann wiederum kann ich auch wieder komisch werden, es kann aber auch gut gehen.

 

Name?

Wie heißt der ganze Spaß jetzt? Komischer Zustand. Das Auffälligste scheint wirklich zu sein, dass ich in diesen Phasen Menschen und vor allem fremde Menschen nicht gut vertrage und auch keinen Kontakt will. Das Fühlen ist irgendwie kaputt. Zumindest anders als im „Normalzustand“. „Normal“ würde ich ohne mir groß Gedanken zu machen auf Menschen zugehen (ok, der Prototyp eines extravertierten Menschen bin ich nie, aber es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen normal und in mir selbst eingeschlossen). „Normal“ kommt die Motivation und der Sinn an der Interaktion einfach aus der Laune, aus dem Gefühl, heraus, der richtige Fokus ist einfach da. Im Nebelzustand bräuchte ich eine Gebrauchsanleitung für Menschen und würde trotzdem nicht gut zurecht kommen. Abschließend muss ich wohl sagen: Ich blicke immer noch nicht durch! Manches ist auch noch widersprüchlich. Konzentration und Abschirmung klappt gut, aber trotzdem viel zu viele Gedanken über die Gedanken der anderen… Vielleicht mische ich hier doch zwei unterschiedliche Dinge noch und muss noch weiter aufdröseln? Das Ganze bleibt unter Beobachtung.

Amplified pain syndrome – psychologically amplified

Wieder einmal schlauer geworden durch Podcast hören. Diesmal war es einmal mehr eine Folge des amerikanischen Podcasts Invisibilia. Eine Folge über Schmerz („The fifth vital sign“), genauer über das amplified pain syndrome. Auf Deutsch finden sich nur spärlich Informationen darüber. Anscheinend sind vor allem Jugendliche betroffen. Der Körper beginnt an einer Stelle zu schmerzen, der Schmerz wird von Tag zu Tag intensiver, er breitet sich nach und nach auf andere Körperteile aus, egal ob Arm, Bein, Knie, Magen, Augen … . Doch wie gründlich Ärzte den Körper der Betroffenen auch untersuchen, er wirkt völlig gesund, keine Schmerzursache ist erkennbar. Im Podcast wird der Zustand eines 16-jährigen Mädchens beschrieben. Sie konnte die meisten Tage nur noch im Bett verbringen, teilweise war der Luftzug eines Ventilators oder das Gewicht einer Bettdecke unerträglich für sie, ihr Herz funktionierte nicht mehr korrekt, sie musste über eine Magensonde ernährt werden, weil auch Speiseröhre und Magen so empfindlich wurden, dass sie sich immer wieder übergeben musste. Kurz: Sie war ein für verrückt erklärter Pflegefall. Keine Aussicht auf Besserung und vor allem: ihr Leiden schien außerhalb der Kompetenz der Ärzte zu liegen. Ich selbst bin kein Schmerzpatient, oder naja… kein physischer Schmerzpatient. Ich bin ein psychischer Schmerzpatient. Und mir kam die Idee, ob man damit nicht zumindest teilweise ähnlich umgehen kann. Aber erst kurz zum normalen physischen Schmerzsyndrom, wie es im Podcast beschrieben wird.

Mit den Beschwerden ist das Mädchen keineswegs allein. Zuerst suchte sie daher Hilfe in einer Online-Gruppe von Betroffenen. Dann entdeckte ihre Mutter einen Arzt, der eine Therapie für genau diese Gruppe von Schmerzpatienten anbietet. Eine auf den ersten Blick etwas sonderbare Therapie. Ein bisschen wie die Desensibilisierung bei Allergien. Die Grundannahme dahinter ist, dass das amplified pain syndrom entsteht, weil das Gehirn und die Nerven immer mehr darauf trainiert werden, den Schmerz wahrzunehmen. Der Schmerz wächst mit der Aufmerksamkeit, die man ihm schenkt. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass viele Betroffene auffällig ehrgeizig sind, der Begriff Overachiever fiel im Podcast, also Menschen, die mehr leisten oder leisten wollen als gemäß ihrer Intelligenz oder anderer testbarer Eigenschaften zu erwarten wäre. Das sind nicht immer die coolsten, gelassensten Menschen. Eher die, die sich in etwas hineinsteigern können (was auch seine positiven Seiten hat). Nicht dass Missverständnisse entstehen. Deren Schmerz ist völlig real, nicht eingebildet! Die Nervenzellen feuern mit Vollgas, aber der Fokus, das gelenkte Bewusstsein, kann eben die Körperreaktionen beeinflussen – massiv. Menschen können mit ihrem Bewusstsein ihren Herzschlag verlangsamen, ihren Blutdruck senken, Geräusche ausblenden und eben auch Schmerz verstärken oder ausblenden (und noch vieles mehr). Den genauen Mechanismus, wie also die Nerven lernen, auf Reize immer heftiger zu reagieren, habe ich noch nirgends finden können. Vermutlich braucht es dazu noch eine Portion Forschung. Im Prinzip kann ich es aber nachvollziehen – vielleicht auch aus Erfahrung.

In der Therapie müssen die Betroffenen tägliches, hartes, körperliches Training überstehen. Trotz der Schmerzen. Sie werden nicht bemitleidet, sie bekommen keine Medikamente, keine Schmerzmittel, keinen Asthma-Inhalator – nichts. Die betroffenen Regionen werden oft gezielt gereizt, durch ins Wasser springen, durch Massieren, durch Sport. Während dieser Therapie wird auch nicht über Schmerz gesprochen, er soll aus dem Fokus verschwinden. Das Wort Schmerz soll nicht fallen. Die Patienten sollen stattdessen lernen, sich auf das zu konzentrieren, was funktioniert, was sie leisten können, wie sie sich verbessern. Und der dritte Baustein der Therapie besteht schließlich in der Arbeit am Ausdruck der Gefühle. Wahrscheinlich in vielen Fällen auch an der Wahrnehmung der Gefühle. Ich nehme an, der Schmerz kann entstehen, wenn im Unterbewusstsein ein Wirbelwind aus Gefühlen tobt, die aber weder klar bis ins Bewusstsein vordringen und noch weiter davon entfernt sind, durch Worte oder andere Mittel ausgedrückt und kommuniziert zu werden. Dann drücken sie sich eben im Schmerz aus. Bei dem im Podcast vorgestellten Mädchen wird es zum Beispiel als Durchbruch interpretiert, als sie bei einer anstrengenden Laufübung zum ersten Mal ihren „Ich kann das schaffen“-Gesichtsausdruck verlor und das Weinen anfing.

Den Erfahrungsberichten zufolge funktioniert die Therapie. Die Patienten werden zwar nicht sofort schmerzfrei, aber wenn sie das Training nach der Therapie aufrecht erhalten, können die meisten ihren Schmerz innerhalb eines Jahres deutlich senken. Eine komplette Heilung ist wohl sehr schwierig. Etwas aus dem Gehirn zu löschen ist ähnlich schwierig wie etwas aus dem Internet zu eliminieren. Warum wirkt sie dennoch? Gerade bei Schmerz stellt sich der Körper bei ansonsten normaler Gesundheit auf die aktuelle Situation ein. Bei starker Anstrengung schüttet er mehr körpereigene Schmerzmittel aus. Bei einer Drogensucht dagegen wird er sich nach und nach an die Gabe der Droge gewöhnen, so dass kein oder nur noch ein sehr geringes Rauschgefühl mehr damit verbunden ist, sondern eher die Wiederherstellung des Normalzustands und bei Entzug treten ohne irgendeine Einwirkung von außen starke Schmerzen auf. Sport, Bewegung, starke körperliche Aktivität und damit verbundener Schmerz werden also auf Dauer eine Schmerz lindernde Wirkung haben, eine Art Abhärtung. Den Fokus zu verschieben vom Schmerz auf die Dinge, die funktionieren, finde ich auch sehr clever. Es gibt schließlich auch Menschen, die lassen sich unter Hypnose ohne Anästhesie operieren. Im Endeffekt ist die Hypnose auch nur eine Verschiebung des Fokus‘ weg von den Schmerzen. Das gibt es auch in weniger geheimnisvoll: Zum Beispiel Zahnbehandlungen, bei denen den Patienten eine Virtual-Reality-Brille aufgesetzt wird. Während sie dann virtuell Achterbahn fahren, kann der Zahnarzt bohren und stochern, der Patient ist so abgelenkt, dass er keine Betäubung braucht. Die Haltung der Therapeuten zu den schmerzgeplagten Patienten halte ich ebenso für immens wichtig. Kein Mitleid! Sie wissen sehr wohl, durch welche Qualen die Patienten gehen, aber Mitleid würde den Fokus nur wieder auf den Schmerz lenken. Sie sind tough und helfen damit sehr. Es gibt klare Ansagen („Du brauchst jetzt kein Asthma-Spray, gehe einfach eine Runde um das Haus und versuche dabei etwas herunterzukommen.“). Damit werden für die Patienten die Optionen, die zurück ins Behütete, einfache, aber letztendlich schmerzfördernde führen, gestrichen und aus dem Weg geräumt. Die Therapeuten wirken deshalb aber nicht hart oder unfreundlich. Sie scheinen einfach zu wissen, was jetzt zu tun ist, sie geben den Eindruck für jede Situation eine angemessene Lösung parat zu haben, auch wenn es nicht die gewohnt kuschelige ist. Und auch der dritte Baustein macht viel Sinn. Das Training, die eigenen Gefühle zu finden und auszudrücken. Nur wenn man die gut genug kennt, weiß man auch, wo die eigenen Grenzen liegen, was man sich zutrauen kann, was man gerade braucht etc. .

Gibt es nun auch so etwas wie das amplified pain syndrom auf psychischer Ebene? Es kommt mir alles so bekannt vor. Das Hineinsteigern, bis man völlig ausgefüllt ist mit Schmerz und der alles dominiert. Das leichte Antriggern dieser so unangenehmen Gefühle. Die gefühlte Unmöglichkeit, den Fokus auf etwas anderes zu lenken in diesen Situationen. Und die Tatsache, dass man weiß: Für andere Menschen scheint das alles so überhaupt kein Problem zu sein. Die reagieren hier einfach völlig anders. Dass der psychische Schmerz nicht weniger belastet als der physische wird mir immer dann klar, wenn ich bemerke, dass ich unter physischen Schmerzen oft besser funktioniere. Weil sie die psychischen lindern. Weil der Fokus verschoben wird. Viele physische Schmerzen sind angenehmer als die psychischen! Aber was wären jetzt die drei Bausteine für die psychische Therapie? Vermutlich ungefähr so:

• Die schmerzauslösenden Situationen nicht vermeiden, dabei aber immer wieder den Fokus auf das lenken, was funktioniert, wo es eventuell Fortschritte gibt. Nicht einfach jedes Mal feststellen, wie schlimm es ist. Diese Gedanken muss man immer wieder aktiv wegschieben. Wahrnehmen, aber dann wegschieben. Aussortieren.

• Ich habe zwar keine Therapeuten um mich herum, aber ich kann meinem Umfeld sagen, mit welcher Einstellung sie mich unterstützen können und ich kann diese Einstellung mir selbst gegenüber haben: Kein Mitleid. Coolness und Vertrauen darauf, dass ich die Herausforderung schon überstehen werde, ohne dass das explizit ausgesprochen werden muss. Keine Erwartungen, keine Enttäuschungen, keine großen Glückwünsche nach Erreichen eines Ziels, einfach die Situation sachlich und ehrlich so analysieren, wie sie ist. Keine unangenehmen Wahrheiten zurückhalten. Bei Schwierigkeiten, eine einfache, alternativlose Hilfe anbieten. Während der schwierigen Situation: nicht zurückweichen lassen. Den nächsten Schritt oder die nächste Aufgabe angeben, den Fokus auf das Weitermachen und Durchhalten lenken.

• Das immer hilfreiche Achtsamkeits-Training. Vielleicht kombiniert mit Zeichnen, Musizieren etc.

Im Grunde nicht so viel Neues, aber erfrischend, weil es wieder einmal diese unsichtbaren Probleme, die man selbst dadurch oft unterschätzt, klarer umreißt, weil man besser erkennt, in welcher Situation man eigentlich steckt. Ich glaube das Wichtigste und für mich interessanteste, das ich aus dem Podcast mitnehme, ist tatsächlich die Einstellung der Therapeuten. Diese tough love. Dieses Optionen wegnehmen, die Optionen der Flucht nach hinten. Das ist erst einmal so gegensätzlich zu dem, was ich intuitiv tun würde, aber gleichzeitig spüre ich, was für eine heilende Wirkung diese Einstellung haben kann. Da steht jemand vor dir und begleitet dich, der weiß, dass die Situation wahnsinnig schwierig und qualvoll ist, der aber ausstrahlt, dass der einzige Weg jetzt dort hindurch führt, es noch weitaus Schlimmeres gibt und dass man, egal wie schwierig es wird, immer damit umgehen kann und Lösungen finden wird. Und jemand, der kein Mitleid hat. Mitleid ist Gift in diesen Situationen. Mitgefühl: ja. Mitleid: Bitte nicht! Das macht noch mehr Druck, man will ja nicht, dass noch jemand zusätzlich wegen einem leiden muss. Und Mitleid heißt auch: Ja, ich finde auch, du solltest dich schlecht fühlen in deiner Situation. Das ist echt scheiße. Das ist die Bestätigung des Schmerzes und der Motor für eine immer weiter voranschreitende Übersensibilisierung.

Erziehung – Zusammenfassung eines unbekannten Büchleins

Im Leben muss man einsammeln, was sich einem anbietet, vor allem dann, wenn es etwas ist, was einem viel weiterhelfen kann. Eine Freundin hat mir einmal von diesem Büchlein erzählt, klein, handlich, kompakt und der Inhalt – Gold wert! Ein Erziehungsbuch aus den 70er Jahren von Tilde Kubatha („Die springenden Punkte“). Unauffindbar in Buchhandlungen oder Bibliotheken, herausgegeben im Selbstverlag. Ohne die Freundin hätte es nie meinen Weg gekreuzt. Ich habe großen Respekt vor der Kindererziehung, weil ich weiß, welchen Einfluss vor allem die ersten Jahre eines Kindes auf den ganzen Rest haben werden. Und auch, weil mein Kind nicht von meiner großen Liebe stammt und ich nicht weiß, wie viel Erziehungsarbeit mein derzeitiger Freund bereit ist zu leisten. Und nicht zuletzt, weil ich selbst nicht gut erzogen worden bin. Ich gehe nicht davon aus, dass ich das einfach „im Gefühl“ habe. Das bringt Unsicherheiten mit sich. Ich will, dass es ein guter Mensch wird und ich weiß, dass es viel Arbeit bedeutet, sein Kind auf diesem Weg zu begleiten. Und ich weiß auch, dass ich nicht der stabilste Mensch bin und mich daher umso mehr darauf vorbereiten muss. Umso glücklicher bin ich daher über diesen Buchtipp! Einige Punkte daraus will ich hier ein wenig zusammenfassen und strukturieren (es ist etwas ungeordnet geschrieben, wie ich finde) und vielleicht ein wenig kommentieren.

Das Vorwort spricht für sich:

„Ich versichere Ihnen aber, Ihr Gewinn wird weit größer [als eine große Summe Geld] und von bleibendem Wert sein, wenn Sie sich mit den nachfolgenden Überlegungen vertraut gemacht haben und danach handeln.“

 

Grundannahmen:

Das Kind ist bei seiner Geburt weder gut noch schlecht. Es sind in ihm aber bereits die Fähigkeiten für beides vorhanden. Deren Wirkungen können durch die Erziehung verstärkt oder abgeschwächt werden.

Was ein Kind in den ersten fünf bis sechs Jahren in seiner Umgebung lernt, bestimmt zum größten Teil seinen weiteren Lebenslauf.

 

1 . Die ersten Tage und Monate

Das Kind wird leider schon jetzt oft als Störenfried empfunden, dabei sollte man sich immer daran erinnern, dass das kleine Wesen nicht von sich aus zu einem wollte. Die Eltern haben es – gewollt oder ungewollt – ins Leben gebracht.

In den ersten Tagen kann das Baby nur Gefühle wahrnehmen. Daher sollte man ihm so viel wie möglich liebevolle Gefühle und Zuwendung entgegenbringen.

Was ein Kind im dauernden Umgang in der Familie erlebt, prägt sich tief in seine Persönlichkeit ein. Diese Erfahrungen bilden den Grund aller späteren Gefühle, Haltungen und Einstellungen.

Man lernt nur selbst bei Aufgaben gut, bei denen man mit Lust und Liebe ans Werk geht. Darum ist es so wichtig, sich für die Erziehungsaufgaben, für die man viel lernen muss, in die richtige Stimmung zu bringen.

 

2 . Nachdenken und Vorausdenken

Oft wird das Kind zwischen den Gedanken und Gefühlen der Erwachsenen hin- und hergeschoben, wie es ihnen in der augenblicklichen Stimmung gerade richtig erscheint. Das gilt es zu vermeiden. Stattdessen: Nachdenken und Vorausdenken! Schlechtes Verhalten ist oft die Folge der Gedankenlosigkeit der Eltern. Besonders gründlich nachdenken sollte man:

• über das, was man zum Kind sagt

• in welchem Ton man es sagt.

• wie man sich verhalten soll, wenn man merkt, man wird sauer oder wütend

• wann man beharrlich sein und hart bleiben muss

Einen Schritt näher zur Lösung eines Erziehungsproblem wird einen immer die Frage „Warum tut mein Kind das?“ bringen.

 

3 . Liebe,  Geduld, Vertrauen und innere Ruhe

Erziehen heißt mit Fleiß, Ausdauer, Geduld und Liebe das Gute aus dem Kind herauszuholen.

Es ist wichtig darauf zu vertrauen, dass das Gute im Kind siegt. „Nur aus diesem Vertrauen wird verstehende Liebe“ Wenn das Kind merkt, dass man eine hohe Meinung von ihm hat, wird es einen auch nicht enttäuschen.

Ein Kind muss immer erkennen können, dass man es gut mit ihm meint.  Das gelingt nur, wenn man im richtigen Ton mit ihm spricht. Ein aufgeregter, böser Ton erzeugt genau das Gegenteil. Ein Kind, das angeschrien wird, wird selbst zurückschreien. Spricht man leise und gut mit ihm, erhöht man die Chancen, dass es ebenso sprechen wird. Wenn man selbst ruhig und geduldig bleibt, bringt man das Kind automatisch in die richtige Stimmung und Aufnahmebereitschaft. Es darf keine Ungeduld spüren, nur so kann man lenken und leiten.

Ruhiges Stillen und Füttern wird zu ausreichender Nahrungsaufnahme führen. Ruhiges Sprechen zum besseren Einschlafen. Aufregung bewirkt das Gegenteil.

 

4 . Gute Gewohnheiten aufbauen und beharrlich bleiben

Schon in den ersten Monaten sollte man damit anfangen, gute Gewohnheiten aufzubauen. Am besten mit einem strukturierten Tagesablauf und einer vernünftigen Einteilung von Schlafzeiten, Essenszeiten und aktiven Zeiten, in denen man auch viel mit dem Baby sprechen sollte (nicht in Babysprache).

Kubatha unterstreicht, wie wichtig die konsequente Einhaltung gerade ganz am Anfang ist, um zu vermeiden, dass es später nur umso anstrengender und zeitraubender wird, weil dann nur noch Unnachgibigkeit hilft (leider erklärt sie nicht den genauen Unterschied zwischen der Beharrlichkeit und der Unnachgibigkeit).

Sie gibt folgende Situationen, in denen sie empfiehlt beharrlich zu bleiben:

• Das Kind will nachts nicht schlafen, ist aber nicht krank -> schreien lassen, hart bleiben

• Das Kind will sein Essen nicht essen -> nichts anderes holen.

• Hände waschen vor jeder Mahlzeit -> keine Ausnahmen machen, auch nicht wenn die Hände „nicht schmutzig“ sind.

• Das Kind darf nur dann am Erwachsenentisch essen, wenn es ordentlich isst, ansonsten muss es an einen extra Kindertisch.

• Den Nachtisch gibt es nur, wenn man auch zumindest ein wenig von dem gegessen hat, was man nicht so gerne mag.

• Wenn das Kind am Abend beim Ausziehen und Waschen trödelt, muss es eben am nächsten Tag früher damit beginnen.

Die angekündigten Maßnahmen müssen unbedingt eingehalten werden! Ansonsten leidet die Glaubwürdigkeit und jeder Erziehungsversuch hat weniger Wirkung. Außerdem schafft dies Vertrauen.

Am besten wäre, jeder an der Erziehung beteiligte arbeitet am Aufbau derselben guten Gewohnheiten (keine Ausnahme bei Oma etc.).

Für mich persönlich wird das wohl der schwierigste Punkt sein. Ich bin ja selbst nicht immer strukturiert. Ich glaube aber, sehr wichtig wird mir das bei meinem Kind beim Medienkonsum sein. Ich will kein Kind, dass den ganzen Tag vor dem Computer hockt und zockt, auch keines, dass sich ständig von irgendwelchen Sendungen berieseln lässt. Es soll raus gehen, mit Freunden spielen und viel selbst basteln und schaffen.

 

5 . Fördern

Auch vor und neben der Schule sollte man dem Kind Wissen vermitteln und mit ihm Fertigkeiten üben, ihm möglichst viel beibringen, seine Fragen beantworten und mit ihm selbst dazu lernen damit es selbstständig wird.

 

6 . Richtiges Verhalten vorleben – Vorbild sein

„Unser Vorbild ist die Ursache. Das Verhalten des Kindes ist die Wirkung.“

Durch ein gutes Vorbild lernt ein Kind unbewusst und leicht z.B. Freundlichkeit im Umgang mit anderen, gepflegte Sprache etc..

Daher selbst höflich bleiben, auch wenn man etwas beanstandet, sein Recht fordert und auch gegenüber dem Kind selbst.

 

7 . Lob und Tadel und die richtige Sprache und Ansprache

Sprache ist das wichtigste Erziehungsinstrument.

„Alles, was das Kind bei uns öfter hört, speichert sich bei ihm im Gehirn durch das Gesetz der Wiederholung.“

Kubatha meint: Ein Lob fördert die Weiterentwicklung des Kindes, ein Tadel behindert sie.

Sie vergleicht das Kindergehirn mit einem Computer, der programmiert wird. Der Computer wird allerdings auch dann korrekt programmiert werden und arbeiten, wenn der Programmierer seine Arbeit in schlechter Stimmung getan hat. Beim Kind ist das anders: Es nimmt nur richtig auf und prägt sich ein, wenn man es auch gefühlsmäßig in die richtige Aufnahmebereitschaft bringt. Spricht man also ungeduldig und gehässig, wird es mit dem Gelernten immer zugleich Unlustgefühle verbinden. Diese Unlustgefühle hindern das Kind am aufbauenden Weiterdenken und richtigen Handeln. Auch sollte man auf positive Formulierungen achten.

Bsp.:

Nicht: „Ach, du Schmutzfink, du musst dich doch immer wieder schmutzig machen.“

Sondern: „Thomas, komm bitte her, wir waschen dich, dann bist du wieder fein sauber.“

Nicht ständig das Kind gängeln, sondern es in die richtige Stimmung bringen, indem man es für so viel wie möglich an Gutem und Wissenswerten interessiert.

„Immer muss das Kind das Gefühl haben, freiwillig und ohne Zwang zu lernen. Nur so lernt es leicht.“

Zu vermeiden sind Eltern-Reaktionen wie: „Wie oft muss ich dir das noch sagen, dass du das nicht tun sollst.“ Stattdessen sollte man darauf achten, das, was das Kind lernen soll, ihm dann zu sagen, wenn man seine ganze Aufmerksamkeit hat. Dazu empfohlen: „Wir sprechen den Vornamen des Kindes mit einer besonderen Betonung aus, also sehr bestimmt und eindringlich, aber gut. Wichtig ist, dass man zunächst nur seinen Namen ausspricht. Wenn wir merken unser Kind ist ganz bei der Sache, so werden wir ihm sagen, was wir zu sagen haben.“

Diese Aufmerksamkeit des Kindes muss man mit ihm trainieren und sie stärken, das wird die gesamte Erziehung erleichtern.  „Das Kind hat ja den guten Willen, aber nur durch Aufmerksamkeit und Wiederholung kann es in sich aufnehmen.“

 

8 . Zur Einsicht erziehen

Sobald ein Kind Sprache verstehen kann, muss man ihm immer wieder erklären, warum es diese Sache so und eine andere anders tun soll. Immer muss es klar erkennen Warum. Es merkt dann, dass es für seine Umgebung und damit für sich selbst etwas Gutes tut. Dieses Warum muss man immer wieder richtig erklären, bis das Kind es richtig verstanden hat. Man muss sich auch vergewissern, dass das Kind die Anweisung auch richtig verstanden hat. Nur so wird es sie befolgen können. Das Warum und Weshalb ist immer vor das Verbot oder die Anweisung zu stellen.

Wichtig ist auch, dass das Kind seine Fehler erkennen und bedauern kann. Es muss erkennen, dass dieses oder jenes nicht richtig war. Nur dann wird das Verhalten sich abschwächen. Kubatha meint: Jeder fühlt sich durch das Einsehen eines Fehlers befreit. Erreichen kann man dieses Bedauern wieder mit ausreichenden Erklärungen in einem guten Ton. Aufgeregtes, böses Schimpfen kann das Kind zu „Duckmäusern und Feiglingen“ machen. Stattdessen soll man dem Kind helfen das Unrecht einzusehen und mit ihm zusammen überlegen, wie man es besser machen kann.

Auch hier lohnt sich Vorausdenken: Es wird sich zum Beispiel lohnen, die Umgebung eines Kindes, das vieles kaputt macht oder zerbricht, so anzupassen, dass man ihm Sachen anbietet, das es benützen und kaputt machen kann und kostbarere Dinge von ihm fern hält.

 

9 . Wir sind für das Kind da, nicht das Kind für uns

Nicht von vornherein im Recht fühlen. Das Kind muss seine Lebenserfahrungen erst noch machen und darf daher nicht geringer geschätzt werden. Auf die Dankbarkeit des Kindes sollte man nicht warten, sondern froh darüber sein, dass wir ihnen Lebenshilfe leisten können. Dann werden sie einem eines Tages ganz selbstverständlich Dank entgegenbringen.

Wenn man nur mit dem Kind zusammen sein will, um sich an ihm zu erfreuen oder um es nur zu beschenken, um sich bei ihm beliebt zu machen oder ihm etwas erlauben, nur weil es für einen gerade bequem ist, dann denkt man dabei nur an sich selbst und es ist keine verantwortungsbewusste Liebe.

Auch überbesorgte Eltern, die das Kind kaum einen Schritt alleine tun lassen, tun das nicht aus der richtigen Liebe heraus. Sie trauen dem Kind nichts zu und das untergräbt das Selbstbewusstsein des Kindes bis ins Erwachsenenalter.

 

10 . Trotz?

Für Tilde Kubatha ist Trotzverhalten bereits das Anzeichen einer Fehlentwicklung. Mit der richtigen Erziehung, meint sie, wird man erst gar keinen Trotzkopf brechen müssen. Feststeht, dass das Kind etwa im dritten Lebensjahr sein Ich findet und das „Ich will“ immer häufiger benutzen wird. Aber, so meint sie, diese Ich-Bildung muss nicht in Trotz ausarten. Sie meint, trotzige Kinder sind sehr unglückliche Kinder.

Hat sich bereits Trotzverhalten eingeschlichen, empfiehlt sie folgende drei Vorgehensweisen:

• Sich fragen: Warum will es anders? Können wir, wenn wir nur wollen, vielleicht doch verstehen, warum es anders will?

• Müssen wir ihm ausführlicher erklären, warum wir so wollen, damit es einsehen kann?

• Wenn die ersten beiden Methoden nicht gehen: Ablenken! Dem Kind in einem guten Ton etwas anderes erzählen oder am besten ihm eine Frage zu einem anderen Thema stellen („Weißt du, wohin wir bald wegfahren werden?“ etc.). Zu einem späteren Zeitpunkt wird es dann oft bereit sein, auf bei der vorherigen Sache auf die Eltern einzugehen.

Zu vermeiden sind festgefahrene Situationen, bei denen Eltern das trotzige Kind aus Hilflosigkeit schimpfen und eventuell schlagen und durch ihr Beharren, den Trotz des Kindes noch mehr herausfordern. Das Kind wird nachgeben, aber es wird keine Einsicht entwickeln und ein Gefühl der Unterdrücktheit entwickelt. Dadurch kann es passieren, dass es alles, was die Eltern wollen ablehnt, nur weil es von ihnen kommt. Hierin sieht Tilde Kubatha auch die Ursache der Rebellion der Jugendlichen gegen ihre Eltern.

 

11 . Der Umgang mit den Wünschen des Kindes

Klar ist, alle Wünsche erfüllen ist Quatsch und sehr schädlich. Alle Wünsche in einem schroffen Ton abschlagen ebenso. Folgende Strategien werden empfohlen:

• Auf später verschieben („Wir brauchen gerade andere Sachen, die wichtig sind“). Meistens gibt sich der Wunsch dann sowieso.

• Wenn ein Kind zwei Sachen haben will: Es entscheiden lassen, was ihm wichtiger ist.

Ich persönlich würde noch hinzufügen, dass man die Erfüllung eines Wunsches mit einem besonderen Ereignis („Das kannst du dir zum Geburtstag wünschen“) oder einer besonderen Leistung verknüpft.

 

12 . Üben, üben, üben

All die Ratschläge wird man nicht sofort und nie in Perfektion beherrschen können. Aber man sollte sich jeden Tag selbst daran erinnern und sich beobachten und ehrlich überprüfen.

Schlechtes Gewissen und Rebellion

Wie nah Gegenteile beieinander liegen können. Auf der einen Seite habe ich mich mit dem schlimmsten schlechten Gewissen seit Monaten herumgequält und auf der anderen ist der kleine wütende Rebell in mir wieder aufgewacht. Was denn nun? Ungerechtigkeit von mir gegen die anderen oder der anderen gegen mich? Die Seele bekommt das anscheinend widerspruchsfrei hin. Die Logik so gar nicht. Die Gefühle heben sich auch gegenseitig auf. Gleichzeitig sind sie nicht da, aber abwechselnd. Je nachdem, was gerade angetriggert wird.

Auf dem Fahrrad eine Pest: Da war er als erstes wieder da. Der kleine Rebell. Auf dem Rad. Auf dem Rad pflege ich eine starke Abneigung gegen Autofahrer. Zumindest gegen die, die wenig rücksichtsvoll fahren. Und die mit großen Kisten. Als mir vor ein paar Tagen eine Frau in großem Wagen fast die Vorfahrt nahm und dann auch noch das Fenster runtergekurbelt hat und sich beschweren wollte, da quoll die Schimpferei aus meinem Mund, noch bevor sie ihren aufbekommen hat. Fenster war auch schnell wieder zu und sie über alle Berge. Und ehrlich gesagt: Im Nachhinein würde ich sagen, es hat mir Spaß gemacht. Allgemein bin ich momentan wenig tolerant gegenüber der ganzen Konsum-Gesellschaft: Dicke Autos, die als Transportmittel selbstverständlich erscheinen, regelmäßige Urlaubsflüge ans andere Ende der Welt, Fertigprodukte im Supermarkt mit mehr Plastik als Produkt, ständige Neuanschaffungen, gedankenloser Umgang mit Alltagsprodukten wie Papier, Alufolie, Strom, Heizung etc.. Das ist für mich respektlos. Der Umwelt und damit auch den Mitmenschen gegenüber und auch der ja durchaus aufwändigen Produktion gegenüber, an die die wenigsten zu denken scheinen. Wenn ich solche Menschen beobachte, dann schwindet tatsächlich mein schlechtes Gewissen, dass ich momentan so wenig leiste. Blödsinn ist irgendwie beides. Mein schlechtes Gewissen sowieso und ich will auch nicht so intolerant sein und mich immer über andere ärgern müssen. Das macht nur Sinn, wenn ich das positiv umsetze. Ideen verteile, wie es vielleicht auch anders geht, was ich ja auch mache. Aber mehr davon, weniger von dem anderen wäre gut.

Auch die Rebellion anderer wirkt gegen mein schlechtes Gewissen. Und wohin horcht man, wenn man etwas Rebellion hören möchte? Richtig! Frankreich. Inhalt erst einmal relativ egal. Ein bisschen Radio hören reicht. Gelbwesten-Reportage. Eine ältere Frau spricht in einer offenen politischen Diskussionsrunde. Sie spricht gut. Gepflegtes Französisch, mit den nötigen und dort üblichen Höflichkeitsfloskeln an Anfang und Ende, aber vom Ton her sehr klar, sehr kraftvoll, sehr vorwurfsvoll, ein wenig aggressiv und sehr überzeugt. Sie beschwert sich, dass sie in einem kleinen Zimmer leben muss, in der oberen Etage ohne Aufzug, in ihrem Alter, und sich die Toilette mit anderen Leuten auf dem Flur teilen muss. Ich weiß nicht, ob ich an ihrer Stelle auf die Idee gekommen wäre, für diese Situation die Politik verantwortlich zu machen. Jedenfalls erinnert mich das daran, dass viele fast automatisch die Schuld oder die Verantwortung für die eigene Situation bei anderen suchen. Was nicht völlig falsch ist. Es ist jedenfalls nicht falscher als an der eigenen Schuld zu ersticken. Eigene Entscheidung hin oder her. So groß ist kein Ich, als dass es immer den richtigen Blick auf die Wirklichkeit hätte, um zu 100 % vernünftige Entscheidungen zu treffen. Man ist von so vielen Dingen beeinflusst.

Kann man die zwei zusammenbringen? Rebell und schlechtes Gewissen? So dass etwas konstruktives daraus wird? Ja, ich glaube. Und daraus wird dann eine gesunde Motivation, etwas zu ändern, an den Problemen zu arbeiten.

 

Eine Situation, eine Person – verschiedene Bewertungen

Ich hatte jetzt tagelang ein wahnsinnig schlechtes Gewissen. Bin krank geschrieben, werde das wohl auch bis zu Beginn des Mutterschutzes bleiben. Vorzeitig ausgeschieden. Fünf Wochen früher. Mit den ganzen Problemen bei der Arbeit könnte man annehmen, es wäre ein Grund zum Feiern, aber es fühlte sich in den ersten Tagen nur nach Scheitern an. Vielleicht auch, weil ich gesundheitlich angeschlagen wirklich noch schlechter gearbeitet habe als ich sonst eh schon das Gefühl habe und dann sozusagen vom sinkenden Schiff gegangen bin. Langsam komme ich ein bisschen besser damit zurecht und dadurch gewinnt die Situation an Faszination. Wo zum Henker gerate ich da immer hinein, wenn ich erschöpft und angeschlagen bin und nicht genügend Ausgleich abbekomme? Ich lande wirklich auf einem anderen Planeten. Beweis: Jetzt kann ich langsam wieder hin- und herswitchen zwischen zwei unterschiedlichen Bewertungen derselben Situation. Vor ein paar Tagen war ich gefangen in einer davon. Einer, die nur blockiert und auf die Straße der Selbstzerstörung führt. Maximale Minderwertigkeitsgefühle. Und in Gedanken sieht man irgendeine abstrakte Gesellschaft, die einen still, hinter dem Rücken, mit Gesten kritisiert, einem Vorwürfe macht „Die ist doch nur faul und will nicht mehr arbeiten. Die hat doch gar nichts.“ Und ich selbst dachte mir auch: „Am liebsten würde ich kein Geld bekommen, wenn ich nicht arbeite. Ich würde gerne das Geld zusammen mit dem schlechten Gewissen abgeben und einfach in Ruhe leben.“ Und das geht weiter bis hin zu: „Ich verdiene nichts, denn ich leiste auch nichts.“ In der von mir sehr gefeierten Sendung „Kitchen impossible“ mit Tim Mälzer, gibt es immer wieder den Moment, wenn sich die zwei Köche die Aufnahmen von den Kochherausforderungen ansehen, wo Tim den Kopf über sich selbst schüttelt und sagt: „Krass, ich bin echt krank.“, weil er sich vor den Herausforderungen, bei der Vorbereitung, meistens völlig selbst überschätzt, sich absolut sicher und überlegen fühlt. Und er erkennt in diesen Momenten seine verzerrte Selbsteinschätzung. Genau in dem Moment bin ich auch gerade. Aber umgekehrt. Krass, ich bin echt krank! Wie kann ich mich so total entwerten?

Im Grunde ist es einfach nur eine menschliche Eigenschaft, etwas leisten zu wollen, für sich und für andere. Etwas leisten können garantiert das Überleben und als Sozialtier muss man eben nicht nur etwas für sich selbst leisten können, sondern auch für andere, weil man umgekehrt auch voneinander profitiert. Und diese Grundeigenschaft kann sich jetzt mehr oder weniger stark entwickeln und die Gedanken und das Handeln mehr oder weniger prägen. Sie wird beeinflusst durch Erfolg und Frustration und die Rückmeldungen der Mitmenschen, aber sie kann auch anfangen ein Eigenleben zu führen. Bei Menschen mit sehr ausgeprägtem Helfersyndrom zum Beispiel. Die sich selbst nichts gönnen und sich nur ausgeglichen fühlen, wenn sie alles, was sie haben und geben können, in andere investieren. Oder auch bei bestimmten Formen von Anorexie, bei denen Menschen sich keine Nahrung gönnen wollen, weil nur gelten darf und sein darf, was Leistung bringt, nicht das, was belohnt. Gleichzeitig sehen sie sich die Leistungen gar nicht an. Es bleibt allein der starke Drang, körperlich etwas zu fühlen, was mit Leistung verknüpft ist. Anstrengung, Hunger, Erschöpfung, Schmerz. Und irgendwann ist ein gestillter Hunger verbunden mit Ekel, weil es sich nicht gehört, weil der eigene Wert dann weg ist.

Menschen, die nur ein bisschen zu viel von dieser Eigenschaft haben, gelten oft als „nett“. Dieses nett, mit dem man nicht bezeichnet werden will. Nett aber langweilig. Nett und schüchtern. Nett aber wenig spaßig. Nett aber deshalb trotzdem kein Vorbild. Nett, aber mutig ist etwas anderes. Nett ist die kleine Schwester von Scheiße. Da ist man doch gerade besonders sozial und dann wird es von den anderen nicht wertgeschätzt? Aber einen Tim Mälzer mit seiner chronischen Selbstüberschätzung feiert man und findet ihn höchst unterhaltsam. Warum? Weil diese Netten nicht dafür taugen, dass man sich in ihrem Fahrwasser etwas durch’s Leben treiben lässt. Das leisten die Mutigen. Die netten können anstrengend sein, weil man jede anstehende Entscheidung selbst überdenken muss. Klar auch: Es gibt auch nette Mutige. Ich meine hier mit den Netten nur speziell diese eine Tendenz, sich immer sehr dem Willen der anderen anpassen zu wollen. Und dann dadurch doch meistens in Konflikt mit seinem eigenen zu kommen.

Jetzt jedenfalls komme ich langsam wieder in einem Normalzustand an. Ohne Anspannung, Dauerschlechtesgewissen, Angst, Druck und dieser ständigen imaginären Begleitung einer kritisierenden Gesellschaft um mich herum. Vielleicht hat mir die Episode aber die Augen noch besser geöffnet für diese Tendenz in mir. Denn ich sehe sie langsam auch in weniger extrem im ganz normalen Alltag. Auch mit meinem Freund. Der wohnt mittlerweile gut die Hälfte der Woche bei mir. Manchmal fahren wir zu ihm, aber ich will dort nicht übernachten. Bett zu klein, vor allem mit dem dicken Bauch und nur mehr sehr begrenzten Liegepositionen. Zimmer zu klein, dadurch wird die Luft zu zweit und über Nacht nicht besser und Dauerlüften ist ja auch keine Lösung. Ich weiß, dass er sich aber wünscht, dass wir auch mehr Zeit bei ihm verbringen. Besonders schlimm wird es, wenn wir spätabends bei ihm sind, dort gegessen haben, im Bett liegen und ich dann zusammenpacke und fahre. Und dann sehe ich seine Enttäuschung in den Augen. Das kann mir das Herz brechen. Macht aber die Situation nur noch schwerer. Dann sind wir beide schlecht drauf. Und das schlechte Gewissen sendet ihm das Signal: „Naja, vielleicht bleibt sie doch. Sie scheint unentschlossen. Ich kann’s ja nochmal versuchen…“ Klare Verhältnisse wären leichter! Nicht nur in diesem Fall. Nicht diese Kaugummi-Persönlichkeit, bei der man sich in jede Richtung ziehen lässt und es erst dann nicht mehr geht, wenn man zerreißt.

Wert durch Endlichkeit

Bei dem Thema Psychopathie habe ich mich so oft gefragt: Wie ist es möglich, etwas denken zu können und zu verstehen, aber es nicht zu fühlen? Von Psychopathen wird ja behauptet, sie hätten eine Art „kalte Empathie“, das heißt, sie verstehen, was richtig und was falsch ist, wissen, was erwünscht und was verpönt ist, wissen, welche Gefühle sie auslösen, fühlen aber keine Skrupel, wenn sie sich für das „Falsche“ entscheiden. War mir ein Rätsel. Aber in Wirklichkeit ist es bei mir selbst oft der Fall. Nicht bei der Empathie, aber bei vielen anderen Gedanken, die eigentlich mit einem starken Gefühl verknüpft sein müssten. Zum Beispiel der Endlichkeit. R. relativierte alles am Tod. Das funktionierte anscheinend recht gut. Er hatte aber auch sehr eindrückliche Erfahrungen mit dem Thema. Für ihn wurden alle noch so großen Probleme winzig, wenn man sie im blendenden Licht der Endlichkeit betrachtete. Ich versuche das seit Jahren. Es klappt nicht. Es müsste eigentlich DIE Therapie gegen die Angst sein, denke ich mir so oft. Weil meine Angst oft daher kommt, dass ich Dingen zu viel Wert gebe, sie für zu wichtig nehme. Der Tod könnte doch einen großen Teil dieser Wichtigkeit nehmen… gedanklich ist alles logisch und klar. Aber ich fühle es nicht. Der Gedanke an den Tod ergreift mich nur manchmal richtig und gefühlsmäßig und mit der Wucht, die er ja hat. Und wenn dann ist das im Traum oder beim Aufwachen, wo viele Gefühle bei mir intensiver sind, wahrscheinlich weil der Kopf noch nicht ganz hochgefahren ist. Ziel ist nicht Todesangst zu haben, aber die Endlichkeit zu spüren. Wenn ich an den Tod denke, dann ist das aber eher oft mit Erleichterung verbunden. Endlich die Verantwortung abgegeben können, endlich die Aufgabe hier beendet haben. Das wäre aber wahrscheinlich nicht so, wenn ich eine Krankheit hätte, die mir nur noch wenige Monate ließe. Dann würde ich wahrscheinlich mit aller Kraft leben wollen. Wahrscheinlich. Vor ein paar Tagen habe ich genau das geträumt. Zuerst hatte ich etwas Angst, aber ich hatte mich sehr schnell damit abgefunden und dann nur noch einen Wunsch: Holt aber das Baby rechtzeitig aus dem Bauch, bevor ich sterbe, damit der Kleine überlebt. Ansonsten hätte ich den Staffelstab ohne Drama weitergegeben. Meine Batterien sind einfach sehr leer. Die Arbeit zehrt. Heute kam mir auch der Gedanke, wie ich wohl wäre, wenn ich nicht durch die Überforderung immer so gedämpft, so ausgelaugt wäre. Mehr Biss hätte ich. Bedenklich ist auch, dass ich lieber krank zur Arbeit gehe als gesund. Weil Krank-Sein den Druck wegnimmt. Krank kann ich jederzeit sagen: Ich gehe jetzt, kann nicht mehr. Und plötzlich läuft alles viel besser. Logisches Resultat ist auf jeden Fall: Der psychische Druck schafft sehr viel mehr Leid als die fieseste Erkältung! Die psychische Belastung ist unangenehmer als ein schwerer grippaler Infekt. Bei weitem! Das andere Resultat ist aber auch: die Einstellung macht den Unterschied in der Belastung! Und da hätte ich gehofft, dass ich die etwas reparieren könnte, wenn ich die Endlichkeit mehr fühlen würde. Alles würde von dieser schweren Wichtigkeit verlieren, an Leichtigkeit gewinnen. Und im besten Fall würde ich leben als wäre ich in jeden Augenblick verliebt, auch wenn er noch so viele Probleme in sich birgt. Das wäre mein Ideal.

Es ist auch nicht so, als wäre ich nicht mit dem Tod konfrontiert. Eine Tante liegt im Sterben, mehrere Verwandte sind in den letzten Jahren gegangen, ich habe Peeweetoms und Emily Hayward verfolgt und ihnen so sehr gewünscht, dass es für sie weitergeht. Ich habe mich auch selbst in den letzten Monaten manchmal so schlecht und schwach gefühlt, bin etliche Male zusammengebrochen, weil der Kreislauf nicht mehr wollte, so dass ich mir dachte: So fühlt sich wohl sterben an. Und trotzdem keine Reaktion wie ich sie mir von mir wünsche.

Vielleicht muss ich die Sache breiter angehen. Mehr Endlichkeiten in den Alltag einbauen. Das hat auch mit Grenzen setzen zu tun und mit Entscheidungen treffen, was mir ja auch schwer fällt. Kleine Ziele stecken, denn jedes erreichte Ziel ist ein kleines Ende. Jeden Tag, vielleicht öfter mal jede Stunde als eine Zeit feiern, die nicht wiederkommt, zelebrieren und nutzen als wäre es die letzte Zeit. Dazu gehört auch, sich genau zu überlegen, was man von dieser Zeit erwartet. Auch wenn es eine schwierige Arbeitsstunde ist. Überlegen, was man erwartet, Schwierigkeiten sehen und kleine, eigene Ziele stecken. Das geht gut zusammen mit der anderen Baustelle: Nicht sich ausdenken, wie die anderen einen abwerten, und auch wenn es Kritik gibt, die nicht ohne meine Meinung dazu stehen lassen! Die Meinung anderer über mich nicht für wahrer halten als meine Meinung zu mir und dem, was ich tue und wie ich es tue. Eigene Ziele! Und es geht zusammen mit der dritten Baustelle: Nicht in Jammerei verfallen und den Witz nicht verlieren! Übrigens ein Meister in Kritik in Humor umwandeln: Horst Lichter. Der hat das jahrelang trainiert. Kritik an seinen Kochkünsten gibt er in Spaß verwandelt zurück. Das wäre auch einmal einen eigenen Beitrag wert.

Wenn aus gut schlecht wird

Ein guter Mensch hat ein Schuldbewusstsein, er kann ein schlechtes Gewissen haben, er will etwas für andere Menschen leisten, sich dadurch seinen Platz verdienen. Und doch kommt genau durch diese Gefühle auch so viel schlechtes Verhalten zustande. Schlecht im Sinne von: fügt anderen Leid zu, schafft Leiden.

 

Schuldkomplexe – Wenn die Schuld untragbar wird

Beispiel: der Ex. An und für sich kein schlechter Mensch. Aber was für ein Potential, anderen Leid zuzufügen! Der Knackpunkt in seinem Leben war wohl der Moment, als er als Jugendlicher durch ein Missverständnis den Suizidversuch seiner Mutter auslöste. Damals war der Vater gerade dabei, sich von der Mutter scheiden zu lassen. Angeblich, weil sie ihm zu dick geworden war. Es gab wochenlang nur Streiterei und schlechte Stimmung im Haus, die Mutter war nervlich am Ende und R. , der Ex, sagte eines Tages, dass er die Nase voll habe von dieser Streiterei. Wo auch immer das Kommunikationsproblem lag – bei der Mutter kam an: „Ich habe die Nase voll von dir!“ – Totalzusammenbruch der Mutter und Suizidversuch durch Medikamente. Bei weitem genug für ein Trauma. Er fühlte sich wahnsinnig schlecht und schuldig danach. Die Mutter überlebte, wurde aber mittelschwere Alkoholikerin. Und R.? Sein Unterbewusstsein arbeitete anscheinend eine Strategie aus, um nie wieder die Schuld für so eine Katastrophe tragen zu müssen. Daraus wurde ein Beziehungsideal, in dem jede emotionale Abhängigkeit negiert wird. Man teilt die schönen Momente. Vielleicht kümmert er sich von seiner Seite aus ein wenig, wenn man ein Problem mit jemandem oder etwas aus der Welt von draußen hat. Von seinem eigenen Leid etwas teilen? Konnte er kaum. Und wenn, dann rein informativ. Die Familiengeschichten erzählte er mir damals eher wie ein Nachrichtensprecher. Er erwartet keine Beratung. Keinen anderen Standpunkt, an dem man seinen eigenen justieren kann. Seine Last wird durch das Teilen dieser Geschichten nicht kleiner. In seiner Idealbeziehung ist also jeder emotional für sich selbst verantwortlich. Das absolute No-go: Gespräche darüber, dass man mit der Beziehung nicht ganz zufrieden ist, dass man an der ein oder anderen Stelle gemeinsam an etwas arbeiten müsste. Themen waren die Gestaltung der gemeinsamen Freizeit, er verbrachte extrem viel Zeit vor dem Fernseher, wo auch nur Sachen liefen, die ihn interessierten, oder sein Tabak- und zeitenweise Alkoholkonsum. Themen ist aber schon zu viel gesagt. Es fehlte ja schon an der Bereitschaft, es zum Thema werden zu lassen. Da war eine Barriere, die konnte er nicht überwinden. Über die Beziehung sprechen war für ihn gleichbedeutend mit: ihm Vorwürfe machen. Selbst wenn meine Intention war, ihn besser verstehen zu können oder gemeinsam eine (Zwischen-)Lösung oder einen Kompromiss zu finden. Der nicht annehmbare Vorwurf: Ich bin nicht glücklich wegen dir! Und sein aus dem Unterbewusstsein als „du musst mich akzeptieren wie ich bin, wenn du mich wirklich liebst“ übersetztes Ideal. Unvereinbar wie Öl und Wasser. Krönender Höhepunkt dieser Perversion (im ursprünglichen Wortsinn: Verdrehung): Die Aktion nach der Trennung. Ich hatte versucht, ihn möglichst in Ruhe zu lassen und nicht zu kontaktieren, weil er sich ja so sehr zurückgezogen hatte und eindeutig alleine sein wollte. Wir hatten also schon knapp zwei Monate so gut wie keinen Kontakt und dann gab es den einen Abend im August, an dem es mir sehr sehr schlecht ging und ich jemanden bei mir brauchte und wohl auch der Gedanke dabei war, dass ich mit ihm reden wollte, weil die Trennung verarbeitet werden wollte (wir hatten bis heute kein klärendes Gespräch, keine Aussprache, nichts). Es war Urlaubszeit, viele Freunde waren nicht in der Nähe, vor allem keiner von den engen, denen ich mich in diesem Zustand noch anvertrauen wollte. Also habe ich ihm geschrieben und eindringlich und über mehrere Stunden gebeten, wenn er könne, solle er bitte zu mir kommen. Antwort war: Er könnte zwar kommen, hielte es aber für eine schlechte Idee. Ich hatte ihm geschrieben, dass keiner meiner Freunde im Moment da sein kann, ich hatte alles offen gelegt. Es hat damit geendet, dass er einfach nicht mehr geantwortet hat. Und das war der Moment, wo das Reststückchen Sympathie für ihn zersprungen ist. Er hat einfach sämtlichen menschlichen Wert für mich verloren, ohne dass ich das irgendwie hätte entscheiden müssen. Es ist gefühlsmäßig einfach so passiert. Er hätte mir einen Gefallen tun können, aber er hat sich dafür entschieden, mir nicht beizustehen. Das ist schon eine krasse Enttäuschung und es war sehr sehr viel Leid. Wie konnte er sowas tun? Als an und für sich „guter Mensch“? Die Unerträglichkeit der Schuld. Durch ihn verursachte Schuld, zumindest in seinen Augen (obwohl ich ihm auch geschrieben hatte: Du bist nicht an meinem Zustand schuld, aber du könntest mir gerade sehr helfen!). Das war auch nicht das erste Mal in der Beziehung, dass er mich fallen ließ wie eine heiße Kartoffel, wenn es mir schlecht ging. Eigentlich war das die Regel. Zu schnell war wohl die Erinnerung da an das von ihm verursachte Unglück seiner Mutter. Einfach jemand, der sich fern vom Leid anderer halten will? Nein! Auch nicht! Daher ja: ein grundsätzlich guter Mensch. Er war so lange ich ihn kannte fast immer für seine Freunde da, wenn es denen schlecht ging. Der Unterschied: Denen ging es schlecht wegen ihrem Partner, einer Krankheit oder sadistischen Chefs. Denen ging es nicht schlecht wegen IHM. Er konnte sich wohl um leidende Menschen kümmern und mitfühlen und helfen und Rat geben, aber nicht, wenn auch nur der leiseste Verdacht aufkam, dass das Leid in seiner Verantwortung stehen könnte. Böse durch Schuld… Wobei… ist es wirklich die Schuld der Schuld? Oder die des Egos, das den eigenen Wertverlust durch Schuld nicht akzeptieren kann? Die Schuld eines Narzissmus‘ des Egos? War die traumatisierende Schuld zu groß oder das Ego zu klein? Eigentlich will ein Schuldgefühl doch dazu führen, dass man sich besser um die anderen kümmert, dass man sozialer wird. Aber wenn die Seele dann stattdessen, das Schuldbewusstsein an sich blockiert? Oder zumindest verhindert, dass aus der Schuld ein besseres Handeln wird? Was zum Henker läuft da schief? Und das nicht nur beim Ex. Es gäbe auch Beispiele aus meinem eigenen Leben. Und bei vielen anderen. Die Grundidee der Evolution war gut. Aber ganz ausgereift ist die Sache mit dem Schuldgefühl anscheinend noch nicht.

Da handelt so mancher mit reduziertem Schuldbewusstsein vernünftiger. Einmal war ich von der Wohnung des Ex aus in eine andere Stadt gefahren, um einen Freund zu besuchen. Dort bekam ich dann die Krise, weil ich mir nicht sicher war, ob ich den Herd in der Wohnung ausgeschaltet hatte. Der Freund ist so jemand, den ich bezeichnen würde als jemand, der nur geringfügig Schuld empfinden kann. Freund ist daher auch etwas hoch gegriffen. Neben seiner Meinung, dass ich nur die Wohnung zusätzlich etwas heizen würde, aber ansonsten nicht viel passieren dürfte, selbst wenn die Platte an wäre, fragte er mich, um mich zu beruhigen: „Was könnte denn im schlimmsten Fall passieren?“ – Ich: „Die Wohnung brennt ab und ich bringe damit den ein oder anderen Nachbarn um.“ Und er: „Und dann?“ – „Dann habe ich mein Leben lang mit der Schuld zu kämpfen.“ Er: „Warum? Du hast es ja nicht absichtlich getan. Klar wird es dir Leid tun, aber dann wäre es eben so passiert und man muss trotzdem weiterleben und kann sich nicht sein Leben lang schlecht fühlen.“ Ja, hat ja auch eigentlich echt keiner was davon… Das ist halt das andere Extrem. Aber was ist jetzt besser?

Mag keine Fragezeichen am Ende. Wird auch nicht so bleiben. Das Thema wird mich noch länger beschäftigen und irgendwann kommt da ein Punkt!

Ein Stückchen großer Dankbarkeit

Alles fließt und alles ist im Wandel in der Welt. Alles kann sich wieder ändern, aber heute bin ich einfach einmal dankbar dafür, dass ich gerade so viel Schönes und so viel Liebe in meinem Leben habe. Und das obwohl ich im Sommer noch dachte, jetzt ist mein Leben endgültig gescheitert. In ein paar Monaten hat sich alles gewendet. Ok, es war nicht der klassische Weg und es war mit einigen unvernünftigen Entscheidungen verbunden, aber das Resultat ist doch ganz gut bisher.

Die Trennung von R. war das große Ereignis des Sommers. Die Schwangerschaft von A. folgte und dann die Beziehung mit G., von der ich anfangs gar nicht überzeugt war. Ich hatte zwischenzeitlich sogar Schluss gemacht. Zum Glück blieb er aber an meiner Seite. Es war ihm egal ob Freundschaft oder Beziehung. Er hat mich erfolgreich über zwei, drei Krisen gebracht. Er kann damit umgehen! Und viele andere schöne Dinge haben sich zwischen uns entwickelt. Wir haben jetzt schon nach wenigen Monaten mehr Aktivitäten, die wir gern gemeinsam machen als ich mit R. überhaupt jemals alles zusammengerechnet hatte. Er tritt auch in meine Welt ein, bleibt nicht draußen und wartet dass man seine betritt wie R. es tat. Ich fühle mich geschätzt und aufgehoben. Es scheint doch viel zu passen. Jetzt habe ich fast manchmal Angst, ihn zu verlieren… Auch Quatsch… bringt ja nichts. Bin gerade vielleicht auch zu sentimental, wie oft, wenn ich nachmittags geschlafen habe.

R. hat sich nach ca. viermonatiger kompletter Funkstille auch wieder gemeldet. Erst bei einer Freundin, dann bei mir direkt über Mail. Auf die erste habe ich nicht antworten können. Dann kam eine zweite ca. drei Wochen später. Es ist schwierig… Ich war völlig am Ende wegen ihm und in der ersten Mail schreibt er mir nur sachliches Zeug, was bei ihm im Leben gerade los ist und will wissen, was es bei mir neues gibt. Was hätte ich antworten sollen? In der zweiten hat er mir immerhin nachträglich zum Geburtstag gratuliert und einfach gezeigt, dass er an mich denkt. Das fand ich dann schon etwas angemessener. Meine Antwort war dennoch knapp und nicht sehr freundlich. Auf dem Handy habe ich ihn weiterhin blockiert. Ich habe ihm nur geschrieben, dass er in meinen Augen durch den letzten Kontakt, den wir hatten, viel Wert verloren hat und dass es daher sehr schwierig für mich ist, ihm überhaupt zu antworten. Es tat mir auch weh, das zu schreiben, aber so ist es. Er meinte nichts böse. Trotzdem habe ich immens gelitten. Weiß nicht, ob er sich jetzt noch einmal melden wird. Ich denke, er ist sehr einsam momentan. Ich hoffe, dass sich meine Freundin etwas um ihn kümmert, mische mich da aber in keinster Weise ein. Er ist erwachsen. Würde er mich offen darum bitten, dass wir uns aussprechen oder auch nur darum, dass ich etwas bei ihm bin – kein Thema, ich wäre trotz der vielen Tränen, die er mich gekostet hat, da für ihn. Aber ich biete nichts mehr an. Das ist vorbei. Jetzt ist er mit Lernen dran. Ich habe keinen Hass auf ihn. Er hat mich auch viel weitergebracht im Leben, dafür bin ich ihm auch dankbar. Er hat mich überhaupt erst beziehungsfähig gemacht, wenn man so will. Vor ihm war jede engere Bindung größter Stress und schlimme Panik für mich. Vielleicht sollte ich ihm doch noch einmal etwas Netteres schreiben?

Schließlich bin ich meiner Familie sehr sehr dankbar. Der Großfamilie, jenseits der Eltern, aber selbst die haben ganz gut auf all die Neuigkeiten reagiert. Vor allem bin ich aber so unendlich froh, eine große Cousinen- und Cousingeneration um mich zu haben, die alles mit Humor nehmen können und einfach nur herzlich und lieb sind! Etwas Schöneres kann ich mir gerade nicht wünschen!

Die Arbeit bleibt ein schwieriges Feld. Dazu kommt, dass ich über Weihnachten nicht so viel Kraft tanken konnte, wie erhofft, weil ich seit zwei Wochen mit Husten und Erkältung kämpfe. Ich hoffe aber, dass ich die zwölf Wochen jetzt noch ordentlich hinter mich bringe. Ohne in die Negativität zu fallen, ohne großen Stress, mit Lockerheit, Humor und Stärke. Sagt sich so einfach.

Ich merke, die Seele braucht noch eine Weile, um sich an all die Neuigkeiten zu gewöhnen. Das ging doch alles sehr schnell. Was habe ich gekämpft und gelitten und mich so fürchterlich ohnmächtig gefühlt, weil ich einfach nicht erreichen konnte, was für mich das Wichtigste im Leben war. Wie dankbar bin ich jetzt für die Momente, in denen ich das habe! Erschöpft im Moment, aber dankbar.

 

Der Fall Adnan

Eine kleine psychologische Fernanalyse. Nicht von mir also, sondern zum Fall Adnan aus dem Serial Podcast von Sarah Koenig (https://serialpodcast.org/season-one). Ein Laiengutachten aus purer Neugier sozusagen.

In 12 Episoden versucht das Podcast-Team herauszufinden, ob der damals 16-jährige Adnan tatsächlich seine Exfreundin Hae ermordet hat und so zu Recht zu lebenslanger Haft verurteilt worden ist oder nicht. Spoiler: Das Ende bleibt uneindeutig. Die Beweise sprechen keine eindeutige Sprache, können in die eine oder andere Richtung ausgelegt werden und gewinnen und verlieren im Verlauf der Nachforschungen immer wieder an Bedeutung. Meine Neugier startet aber jenseits der Beweislage. Ich wollte genau das tun, was Adnan selbst absolut nicht wollte: Den Fall nach seiner Persönlichkeit bewerten und alle Beweise außer Acht lassen. Natürlich werde ich dadurch auf keinen Fall zu einer Überzeugung kommen, dass er es getan hat oder nicht, aber was mich eigentlich hauptsächlich interessiert ist: Hätte er es tun können? Von seiner Persönlichkeit her? Und nicht nur den Mord. Er hat von Anfang an bis heute geleugnet, den Mord begangen zu haben. Ist er aber doch der Mörder, heißt das, er hat jahrelang (zur Zeit des Podcasts war er um die 30) gelogen, vor seiner Familie, dem Gericht, durch den Podcast etc.. Auch dazu ist nicht jeder fähig. Zum Mord übrigens auch nicht, mindestens zu dieser Art Mord nicht: Hae wurde mit bloßen Händen erwürgt.

Von Adnans Aussagen im Podcast geht für mich eine seltsame Faszination aus. Das war der Anlass für alle folgenden Überlegungen. Es sind für mich so wertvolle Äußerungen auf meiner Suche nach einem tieferen Verständnis von dem, was mit Scham, mit Schuld und auch mit Psychopathie bezeichnet wird. Ich höre Adnan und frage mich: Kann er „normale“ Schuld empfinden? Hat der psychopathische Züge? Wenn bei Frage eins nein und bei Frage zwei ja, dann heißt das auch, dass jahrelanges Lügen für ihn keine schwere Aufgabe darstellt, zumindest nicht emotional, intellektuell wahrscheinlich schon. Aufpassen, dass man sich selbst nicht widerspricht, bei einer Version bleiben (was er übrigens nicht konsequent tut) etc..

Hier also, was für mich auffällig erscheint:

 

Sehr vereinfachte positivierte Darstellung der Beziehung zu Hae

Übersetzt äußert sich Adnan zu den Mordvorwürfen im Podcast folgendermaßen:

„Warum hätte ich sie töten sollen? Ich empfand nichts außer Freundschaft, Liebe und Respekt für sie.“, „Ich war nie böse (mad) auf sie, niemand hat je ausgesagt, dass ich sie angeschrien hätte oder so.“

Klingt schön, klingt auf den ersten Blick überzeugend – aber irgendwie seltsam. Ich kenne keine Liebesbeziehung, schon gar keine Teenagerbeziehung, in der man nicht zu irgendeinem Punkt sauer aufeinander war. Das dies auch bei Adnan und Hae der Fall war, belegen übrigens auch die Tagebucheinträge von Hae. Die Formulierung könnte ich persönlich nicht über die Lippen kriegen, weil sie nicht stimmen würde und ich bin mir sicher, dass sie bei so ziemlich keiner zu Bruch gegangenen Liebesbeziehung stimmen kann (Hae hat mit Adnan wegen eines anderen Mannes Schluss gemacht). Natürlich ist man zu irgendeinem Moment böse aufeinander. Mein Gewissen würde mich also von solch einer Aussage abhalten. Und meinen Respekt vor der anderen Person würde ich mit einer anderen Formulierung ausdrücken, die von Adnan im Podcast aber nie zu hören ist: „Warum hätte ich sie töten sollen? Hae war ein großartiger Mensch. Sie war nett, clever und respektvoll“ (oder ähnliches). Das könnte ich jedenfalls völlig ehrlich behaupten. Auch von einer Person, mit der ich mich einmal gestritten habe. Das mag wie ein unbedeutendes Detail wirken, aber für mich ist das der Kern von Psychopathie: Da läutet keine innere Alarmglocke beim Lügen, da schlägt kein Herz schneller, da steigt keine Röte im Gesicht auf, da werden keine Skrupel geweckt. Das gilt bei einer kleinen Lüge und auch beim grausamen Mord. Wenn es für den Psychopathen Sinn macht, dann gibt es keine daran hindernden Regungen im Gemüt. Die radikale Ausdrucksweise „nothing but friendship etc…“ wirkt, wie ich finde, auch manipulativ. Das muss gar nicht bewusst manipulativ geplant sein, aber Adnan zeichnet damit ein ganz prägnantes Bild von sich. Es klingt schön. Aber dann irgendwie zu schön, um wahr zu sein. Und zuletzt ist eben die Perspektive seltsam. Warum spricht er im Podcast nie über Hae? Von ihm erfährt man quasi nichts über sie, kann sich allein von seinen Aussagen kein Bild von ihr und ihrer Persönlichkeit machen. Und hieße es anders herum: Wenn er böse auf sie gewesen wäre, hätte er sie umbringen können? Wenn er nicht über Hae sprechen wollte, hätte er nicht auch sagen können: „Wie hätte ich sie umbringen können? Das könnte ich nie tun! Jemanden mit meinen bloßen Händen erwürgen!“ Vielleicht kann er sich das sehr wohl vorstellen (oder vielleicht hat er es sogar getan), und daher kommt ihm dieser Satz nicht in den Sinn? Er sagt zum Beispiel auch, dass er davon überzeugt ist, dass jeder Mensch im Grunde zum Töten fähig ist, er muss nur entsprechend wütend auf die Person sein. Möglich, aber wie gesagt, ich glaube nicht, dass jeder Mensch in der Lage ist – in noch so großer Wut – einen anderen Menschen mit bloßen Händen zu erwürgen. Das ist wirklich heftig!

 

Mangelnde Neugier

Natürlich weiß ich nicht, was alles von Adnans Aussagen geschnitten wurde, aber ich habe eben nur den Podcast als Grundlage. Was ich bei Adnan nämlich auch vermisse, ist die Neugier wissen zu wollen, wer denn der wahre Mörder von Hae ist. Don, der Junge, für den Hae Adnan verlassen hat, der stellt diese Frage („Wer könnte so ein nettes Mädchen umbringen?“). Der spricht auch voller Respekt und Bewunderung von Haes tollem Charakter. In Adnans Welt scheint diese Frage keine Rolle zu spielen. Weil für ihn Klarheit herrscht? Übrigens stellt er die „Wer war es wirklich“-Frage noch nicht einmal, als es um die eventuelle DNA-Testung von am Fundort der Leiche gefundener Gegenstände geht. Etwa 15 Jahre nach seiner Verurteilung wird darüber nachgedacht, diese Gegenstände testen zu lassen. Sarah redet darüber mit Adnan. Er reagiert darauf nicht mit „Ja, natürlich bin ich dafür, ich will endlich wissen, wer sie wirklich umgebracht hat“ oder ähnlichem, sondern wieder mit einem seltsamen : „Ja, ich bin dafür, ich will alles über meinen Fall wissen“. Damit er die Kontrolle darüber behalten kann? Natürlich muss er „ja“ sagen zur Testung. Wieder ist die Perspektive merkwürdig.

 

Heiligtum guter Ruf

Das vielleicht auffälligste Merkmal von Adnan ist sein Ehrgeiz, seinen Ruf so intakt und positiv zu halten wie nur möglich. Beeindruckende Mengen Energie steckt er in diesen Bereich. Energie mit dem Ziel unter Kontrolle zu halten, wie andere Menschen über ihn denken.

Er geht dabei sozusagen mit bestem Beispiel voran. Scheinbar geht er erst einmal nicht davon aus, dass irgendjemand überhaupt etwas schlechtes über ihn denken könnte. Selbst in Situationen nicht, in denen die eigene Beschuldigung durch andere quasi auf der Hand liegt. Zwei Beispiele: Hae ist verschwunden. Familie und Freunde machen sich Sorgen, die Polizei ist informiert und ruft auch Adnan, den Exfreund, an. Und er denkt nicht daran, dass die Polizei denken könnte, dass er etwas mit Haes Verschwinden zu tun hat? – Absolut nicht! „I was puzzled“. Er dachte nur, Hae werde eine Menge Ärger bekommen, weil sie nicht nach Hause gekommen ist. So behauptet er zumindest. Don – Haes neuer Freund, wurde auch von der Polizei kontaktiert. Er aber hatte sofort die Vermutung, die Polizei würde ihn verdächtigen. Im Fall gibt es außerdem einen Kronzeugen – Jay – der aussagt, Adnan habe ihn in den Mordplan eingeweiht und sie hätten anschließend die Leiche gemeinsam vergraben. Adnan war nicht sehr eng mit ihm befreundet, allerdings um so enger mit dessen fester Freundin Stephanie. Als man nach Gründen suchte, warum Jay lügen und die ganze Geschichte erfunden sein könnte, kam man auf die Idee, dass Jay eifersüchtig sein könnte auf diese enge Freundschaft und sich an Adnan rächen wollte. Als Adnan damit konfrontiert wird, äußert er dieselbe Verblüffung wie im ersten Beispiel. Nie im Leben hätte er daran gedacht. Eng mit der Freundin eines Freundes? Oder umgekehrt: Eng mit dem Freund der Freundin… Ich hätte dabei großer Bedenken. Oder es gibt keine mehr, weil es bereits Thema in der Dreierkonstellation besprochen wurde. Aber nie auch nur mit einer halben Gehirnzelle an diese Möglichkeit gedacht haben? – unwahrscheinlich. Adnan verunsichert also jeden, der seinen Ruf ankratzen könnte mit seiner größten Verblüffung, wie man nur so etwas Schlimmes von ihm vermuten könnte.

Im Verlauf des Podcasts konfrontiert Sarah ihn allerdings auch mit zwei belegbaren Vorwürfen. Mit zwei Fällen, in denen er offensichtlich falsch oder mindestens komisch gehandelt hat. Besonders interessant an seiner Reaktion ist der Ton – gerne nachhören! Zum einen erwähnt Sarah, dass Adnan nach dem Verschwinden von Hae nicht versucht hat, sie anzurufen – nachgeprüft durch die Anruflisten. Adnan reagiert hörbar gereizt und „angepisst“. Sarahs Intention ist klar: Adnan soll sich dazu äußern. Der aber antwortet zunächst nur: „Was this a question?“ Sarah und ihr Team hatten außerdem auch den Ansatz, eine Art psychologisches Gutachten zu Adnan zusammenzustellen, zumindest sich anzusehen, welcher Typ Mensch er bisher war. Klar wird, Adnan ist ein cleverer, charmanter, sehr beliebter junger Mann. Aber: Er hat wiederholt das Klingelgeld der Moschee gestohlen, bis ihm seine Mutter auf die Spur kam. Wieder zeigt seine Reaktion auf die Konfrontation mit diesem Fehlverhalten, wie sehr ihm dieses Ankratzen seines Rufs zuwider ist. Er ist gereizt wie ein wilder Tiger. Die muslimische Gemeinde spielt immer noch eine wichtige Rolle in seinem Leben, er erhält viel Unterstützung durch sie. Und auch sie wird diesen Podcast hören. Und man bedenke, dass eine sehr denkbare Reaktion auch sein könnte, sich reumütig zu zeigen, klein, ertappt, schlecht, schuldbewusst. Adnans erste Reaktion aber ist der Angriff. Diese Geschichte hätte rein gar nichts mit dem Fall zu tun. Sarah suche ja auch nicht bei den anderen Personen, die am Fall beteiligt sind, solche Fehler in der Vergangenheit (doch, tut sie!). Er ist hörbar aggressiv, nicht gewalttätig aggressiv, gereizt aggressiv. Und die Taktik funktioniert! Sarah bekommt ein schlechtes Gewissen!

Hat er etwas Zeit, um sich mit den Vorwürfen auseinanderzusetzen, zeigt sich die dritte Auffälligkeit. Er rechtfertigt sich einige Zeit später völlig ruhig, gefasst und – beeindruckend überzeugend. Moscheegeld geklaut? „Heute weiß ich, dass es falsch war. Damals dachte ich, es sei in Ordnung. Die Moschee war ein bisschen wie ein Familienunternehmen für mich. Wir haben dort oft gearbeitet und geholfen. Daher war es für mich in Ordnung, mir etwas Lohn zu nehmen.“ Trotzdem fehlt etwas in seiner Reaktion. Er scheint schuldbewusst, aber man hört die Schuld nie. Es ärgert ihn, weil es seinen Ruf schädigt, aber er fühlt sich nicht klein vor jemandem. Es fehlt dieser demütige Unterton. Den hört man zum Beispiel bei Jays Aussagen. Auch nach eigener Aussage hängt er ja zumindest beim Verstecken der Leiche mit drin. Er klingt klein und schuldbewusst, wenn er redet („I just feel bad about it.“). Er hat keine besondere Motivation mehr. Er ist nicht mehr aktiv, er ist empfangsbereit für die ihm zugedachte Strafe. Adnan zeigt dies im ganzen Podcast bei keinem Thema. Auf Angriffe auf seinen Ruf reagiert er mit Verwunderung, um zu verunsichern, mit Gegenvorwürfen oder mit geschickten Rechtfertigungen und Begründungen.

 

Adnan selbst spricht über diesen Drang, die Kontrolle über seinen Ruf behalten zu wollen. Nur drückt er es anders aus. Er sagt, seine größte Angst ist, für ein manipulierendes Monster gehalten zu werden (Bedenke auch: Die größte Angst ist nicht, ein Leben lang im Gefängnis bleiben zu müssen). Eben für den Mörder, Lügner und Manipulateur gehalten zu werden, als der er vor Gericht dargestellt wurde. Dass man ihm nicht glaubt. Seine Zusage für den Podcast ist wohl auch zu verstehen als ein Versuch, ein Stückchen Kontrolle darüber zu erhalten – auch außerhalb des Gefängnisses. Gegen Ende des Podcasts, als er vermutlich bemerkte, dass dessen Ergebnis nicht unbedingt in die von ihm gewünschte Richtung verlief, schrieb er Sarah noch einen seitenlangen Brief. Leider wird er nicht komplett vorgelesen, aber Ziel und Zweck war wohl, von seiner Unschuld zu überzeugen (Ende des Briefs: „Wenn dies nun alles keinen Sinn für dich macht. Lies den Brief noch einmal von vorne mit der Überzeugung, dass ich wirklich unschuldig bin, dann wirst du ihn verstehen“ – wieder so eine merkwürdige Formulierung).

 

Ehre und Manipulation

Wie wirkt ein Manipulateur dem Manipulationsvorwurf entgegen? Richtig! Durch Manipulation. Und wie ich glaube, macht er das noch nicht einmal so richtig bewusst. Es ist eben die am besten beherrschte, natürliche Strategie. Den Begriff Manipulation will ich auch noch einmal sauber abstecken irgendwann. Wie jedenfalls berichtet, will Adnan nicht als Manipulateur gelten und gesteht Sarah gegen Ende folgendes: Im Verlauf der Podcastaufnahmen starb Sarahs Vater, was sie Adnan mitteilte. Der gesteht ihr nun, einige Monate später, dass er sich als Reaktion ein nur sehr verhaltenes Mitfühlen erlaubte, nicht zu sehr darauf eingehen wollte aus Angst, dass man ihm das wieder als Manipulation vorwerfen könnte, dass man ihm dieses Mitgefühl nicht glaubt. Das ist das Eine. Versuch der Kontrolle des Urteils der anderen als Gegenmittel zum Vorwurf der Kontrolle über das Urteilen der anderen. Ich glaube, der kennt gar keine andere Strategie als diese Art der Manipulation oder Kontrolle von außen. Der andere Weg, einfach ehrlich aus dem eigenen Herzen zu sprechen, ohne mehr Intention dabei zu haben als sich auszudrücken zu wollen, das kennt der gar nicht. Das Zweite: Er erklärt das, um Sarah das aufzuzeigen, was für ihn das Härteste an seiner Situation ist (übrigens nicht das Gefängnisleben, damit kommt er sehr gut klar). Nein: „Kannst du dir vorstellen wie hart das ist, jemandem kein Mitgefühl zeigen zu können aus Angst, dass man als Manipulateur gilt?“, schreibt er an Sarah. Nein, ich kann es ehrlich gesagt nicht. Ich finde die Strategie absurd. Sie macht für mich nur Sinn, wenn man Mitgefühl-Zeigen nicht als Ausdruck der eigenen Gefühle kennt, sondern nur verbunden mit einer bestimmten Intention, z.B. die andere Person an sich zu binden oder für sich zu gewinnen.

Die Staatsanwaltschaft kam im damaligen Prozess zu der Einschätzung, dass Adnan Hae aus verletzter Ehre getötet hat und daher ein Lügner und Manipulateur sein muss. Verletzte Ehre liegt ganz nah bei dem verletzten Ruf und die Manipulationssache scheint für mich auch sehr klar. Eindeutige Beweise für seine Schuld gibt es nicht. Und auch ich würde nicht behaupten, dass ich 100%ig sicher bin, dass er es war. Aber meiner Meinung nach hätte er es sehr gut tun können. Er ist nicht die Art Psychopath, die massenweise Menschen umbringen wird, er ist kein Sadist. Ich glaube auch, dass er sich, sollte er wieder frei kommen, so einen Trubel nicht noch einmal antun will. Ich glaube also nicht, dass Mord für ihn heute noch eine Option wäre. Ich glaube aber, dass er ein deutlich reduziertes generelles Schuldempfinden hat, was aber keinen komplett schlechten Menschen aus ihm macht. Ich glaube, dass er eine Art Gerechtigkeitsempfinden hat und auch will, dass es den Leuten um ihn herum gut geht. Aber seine Ehre, sein Ruf steht in jedem Fall noch darüber. Es sind eben ein paar Schalter in seinem Kopf anders verdrahtet.

Das Ende der Theorie-Therapie? Der Gang in die Praxis

Körperlich geht es langsam aufwärts. Auch wenn derzeit erkältet, geht es mir mit der Erkältung immer noch wesentlich besser als mit der zermürbenden Übelkeit, die jetzt – Vitamin-B-Präparat sei dank – endlich besser wird. Und mit ihr verabschiedet sich auch zumindest ein Teil der Müdigkeit. Energie kommt langsam zurück, mit ihr eine Portion Hoffnung, Mut, Lust am Gestalten, Lust an der Musik und Humor.

In den letzten schlechten Phasen habe ich immer wieder festgestellt: Ich habe meine Grundproblematik in der Theorie so ziemlich frei seziert. Ich würde mich bei jeder Analyse nur immer wieder wiederholen. Schlechte Phase heißt: fast unkontrollierbare negative Gedanken, Hoffnungs- und Mutlosigkeit, Gefühl der Ohnmacht, Sehnsucht nach Rückzug, Sicherheit und Beschützern, Angstzustände, Energielosigkeit und völlige Überbewertung der Meinung der anderen von mir. Alle Gedankentherapie bringt mich ein Stückchen weiter, vielleicht in den gelben Bereich, wenn ich sie wirklich meditativ betreibe. Aber dauerhaft in den grünen schaffe ich es dadurch anscheinend nicht.

Letzte Woche war ich zum ersten Mal in einer psychiatrischen Praxis (haha, nach der Theorie die Praxis…). Ich hatte befürchtet, mich, wie bisher in JEDER Arztpraxis, fürchterlich unwohl zu fühlen. Fast das Gegenteil war der Fall. Ich habe mich quasi fast in die Arzthelferin am Empfang verliebt und der Arzt war auch wirklich sehr sympathisch und sehr bemüht, mir zu helfen. Wir haben nur 15 oder 20 Minuten geredet, mehr hatte ich auch erst einmal nicht zu sagen. Das war also bei weitem noch keine Therapie, sondern nur eine Sondierung, welche Möglichkeiten ich derzeit habe (und er hat sich natürlich einen Steckbrief von mir angefertigt). Allein aber schon durch den Gang in die Praxis und das Treffen mit ihm, ist bei mir einiges in Bewegung geraten:

  • Mir wird viel bewusster, wie viel ich mir schon erarbeitet habe. Wie gut ich mich selbst schon analysiert habe, welche Strategien ich mir antrainiert habe. Das macht schon ein bisschen stolz.
  • Der krasseste Effekt kam bei der Beschreibung meiner Problembereiche. Wenn ich die alleine durchdenke und eine schlechte Phase habe, führt das dazu, dass ich in Selbstmitleid und Katatonie verfalle. In einer guten Phase versuche ich die Probleme mit viel Überwindung anzupacken. Und gegenüber dem Psychiater war mir beim Erzählen so 100 % klar, dass ich die ganzen Probleme natürlich angehen kann und dass ich natürlich größer bin als die Probleme und dass es schlichtweg die einzige logisch folgende Handlung ist, sich den Problemen zu stellen und man sich dann stolz und tapfer fühlen darf. Das Krasse war die Selbstverständlichkeit dieser Haltung, für die ich sonst so kämpfen muss, um sie mir irgendwie einzupflanzen. Hat bestimmt damit zu tun, dass ich nicht wie ein völlig hilfloser, schwacher, Feigling auf ihn wirken möchte.
  • Falls in meinem Leben etwas wegbricht – Arbeit wäre möglich – habe ich nicht das Gefühl damit völlig alleine dazustehen. Ich habe ein kleines Sicherheitsnetz.
  • Es nimmt einen Teil des schlechten Gewissens, z.B. in der Arbeit, weil ich mir sagen kann: Ich mache zumindest genau das, was zu tun ist, um besser zu werden, um besser funktionieren zu können.

 

Welche Möglichkeiten habe ich nun? Medikamente will ich derzeit nicht nehmen. Er hat mir empfohlen, mich an ein Institut für Verhaltenstherapie zu wenden, weil damit einfach relativ schnelle Erfolge zu erzielen sind. Als Notfall- und Kurzzeithilfe sozusagen. Gleichzeitig hat er mir trotz komplett vollem Terminkalender auch bei ihm noch einen Termin vor Weihnachten gegeben. Ohne Schwangerschaft hätte er mir sehr zu Medikamenten geraten (auf die ich aber jetzt selbst ohne Schwangerschaft schon wieder gar keinen Bock hätte…). Unter den jetzigen Umständen empfiehlt er keine Psychoanalyse – die Therapieform, die er anbietet – aber er will trotzdem auf dem Laufenden bleiben und ich schätze so eine Art Psychoanalyse light mit mir machen, wenn es die Termine zulassen. Von Psychoanalyse bin ich persönlich jetzt nicht so überzeugt. Analysiert habe ich genug, finde ich. Es wird vor allem dazu führen, dass ich Weinen muss, wenn ich über die ganzen für mich traumatischen Erlebnisse sprechen muss. Und ich will ja eigentlich weg vom Negativen (und von der Theorie), nicht wieder hinein. Aber ich werde sehen, wie sich die Gespräche entwickeln und ich kann ja mit Sicherheit auch mitgestalten und sagen, was mir gerade gut tun würde.

Das Ende der Theorie wird es jedenfalls nicht sein. Aber die Denkthemen werden jetzt eben vermehrt allgemeine Themen sein, die einfach meine Neugier wecken und weniger Themen zu meinen eh schon platt getretenen und faserig geredeten Problemen.

Mehr Praxis heißt jetzt Therapie und auch mehr Arbeit in meinem persönlichen Umfeld. Mehr Arbeit an den tatsächlichen Beziehungen. Mehr Arbeit an der Umgestaltung (Arbeitswechsel?).

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