Electron libre

Lange Pause. Lange Pause, weil mich das Schreiben und die ganze Blogsache nur daran erinnert hätte, dass es mir nicht gut geht. Obwohl ich das Arbeitsproblem so gut wegtrainiert habe. Umso auffälliger wurde das andere: die Beziehungsscheiße. Es tat nun so weh, dass ich gerade dabei bin, mich zu entscheiden, das ganze wohl doch zu beenden. Ich habe so viele Versuche unternommen, habe so viele Chancen gegeben, damit sich die Beziehung in eine Richtung entwickeln kann, in der ich einfach sein kann, in der ich mich aufgehoben fühle, aber die andere Seite muss eben mitziehen. Also bringe ich die Bewegung auf eine andere Weise hinein. Trennung.

Das ist ein Zustand, mit dem ich überhaupt nicht gut umgehen kann. Ich hasse es aus tiefstem Herzen, aber es gibt keine andere Wahl mehr. Ich bin richtig krank geworden durch den Liebeskummer in der Beziehung, krank mit seelischen und körperlichen Schmerzen. Es geht nicht mehr. Denkbar schlechter Zeitpunkt. Gerade jetzt, wo ich mich so sehr nach einer Familie sehne. Und das mit meiner Ungeduld. Was hilft? Jetzt werden hier eben alle Männergeschichten aufgeschrieben. Angstthematik ist (fast) abgehakt, jetzt wird gedatet. Es wurde sogar schon gedatet. Es bröckelt ja schon länger in der Beziehung. Immerhin das ist ja ein bisschen spannend, zu sehen, wie sich die ganze Sache mit den Wochen entwickelt. So eine Art Bachelorette-Blog. Ganze zwei Kandidaten gibt es derzeit:

A. H.: Ein Mann mit großem Herz und viel Humor. Er ist der Cousin einer Freundin und darin liegt leider auch das erste kleine Problem. Ich bin mir nicht sicher, ob sie das so cool fände, wenn da mehr zwischen uns liefe. Problem zwei gleich hinterher: Noch mehr Altersunterschied als ich mit R. ja schon hatte. Das ist wirklich ein Problem, das wären dann schon an die 17 Jahre Unterschied, glaube ich. Wir haben uns die ersten Male immer in einer relativ großen Gruppe getroffen und jedesmal ist dasselbe Muster entstanden. Wir wurden zum Belustigungsteam der Grillrunde. Der eine lieferte die Vorlage, der andere schoss den Gag ab und umgekehrt. Ich habe mich selbst schon ewig nicht mehr in so einer Ulkigkeits-Bestform erlebt. Und das geschieht jedesmal einfach völlig natürlich. Zweiter großer Pluspunkt: Er interessiert sich auch sehr für Psychologie. Endlich jemand, mit dem man über dieses ganze Maschinerie aus Gefühlen und Gedanken reden kann. Körperliche Anziehung ist aber leider bisher nicht da, aber ich glaube, da brauche ich eine lange Umgewöhnungszeit. Auch bei R. hat das etwas gedauert.

A. S.: Ein Mann in meinem Alter! Und ein Mann, mit dem ich vor zwei, drei Wochen bereits eine Liebesnacht verbracht habe. Ungeplant, ist so geschehen. Körperliche Anziehung also eher vorhanden als bei A.H.? Mäßig. Mit der entsprechenden Libido als Treibstoff lief das schon ganz gut, aber ich wollte ihn zum Beispiel nicht richtig streicheln, kuscheln ging, küssen wollte ich aber auch nicht, das geht irgendwie nur mit einem Gefühl der Liebe. Die Liebesnacht war ja aber eher eine Libidonacht. Witzig mit ihm: Auch wieder einer von der schnellen Sorte, das finde ich schon anziehend. Man merkt, der andere checkt die Dinge einfach schnell, versteht Andeutungen und hat Spaß am Denken. Und noch eine Gemeinsamkeit gibt es: Wir sind beide nicht „100% moralisch“. Wir haben beide einen Touch „krimineller Energie“. Ich würde ja keine Bank überfallen oder so, aber wenn ich Barrieren umgehen kann, die mir nicht sinnvoll erscheinen, die aber von der Gesellschaft als Norm oder Gesetz aufrecht erhalten werden, dann werde ich sie eher umgehen als einhalten, wenn ich die Möglichkeit habe. Ich habe schon einen gewissen Spaß am Tricksen. Ob es so gut ist, so jemanden als Partner zu haben? Keine Ahnung. Ihm würde ich zum Beispiel auch zutrauen, wären wir ein Paar, dem ein oder anderen Angebot zu einem Seitensprung nachzugeben. Was mich aber fast noch mehr stört: Ich habe Angst, dass ich mich mit ihm langweile. Er ist ein Mensch, der zumindest vorgibt, immer glücklich zu sein. Probleme werden in Sekunden entschärft und Ziel scheint es für ihn dann zu sein, das Leben zu genießen. Wie macht man das ohne Probleme? Ich weiß es wirklich nicht. Ich langweilige mich zu Tode, wenn ich an einem See sitzen müsste, mit traumhaftem Ausblick, Feuerchen an, toller Sonnenuntergang. „Genieße es doch einfach!“ – Was denn? Ja… schöner Anblick. So etwas kann ich aber noch am ehesten genießen, wenn ich alleine bin, aber das ist absolut nichts lebensfüllendes für mich. Ein Gutzi, ein Ohrring vielleicht am Körper des Lebens, aber nicht mehr. Probleme finde ich super, solange man sie sich als Herausforderungen und sinnvolle Aufgaben zurechtlegen kann, solange die Neugier total darauf brennt, sie anzupacken, oder solange man sie mit Humor wegspülen kann. Probleme sind nur dann unangenehm – richtig unangenehm – wenn sie zu groß für einen werden und man sie aber nicht loslassen will oder kann, wenn sie chronische Schmerzen machen und man keine Chance dagegen hat. Und selbst dann bieten sie immerhin noch der Menschlichkeit eine Plattform. „Das ist alles nicht so schlimm!“ beruhigt ohne Zweifel, aber wenn auf Dauer nicht mehr kommt, fehlt für mich etwas. Ich will Probleme analysieren, will herausfinden, wo ich anpacken kann, dafür brauche ich einen Freund und Partner. Ich bin mir auch nicht sicher, wie ernsthaft er an mir interessiert ist. Bei A.H. weiß ich das. Der wäre sofort dabei. A.S…. Weiß ich nicht. Über A.S. habe ich übrigens, glaube ich, schon einmal hier geschrieben. Bevor wir die Liebesnacht hatten, bevor überhaupt daran zu denken war (daran zu denken war allerdings auch erst Sekunden davor).

Dritte noch ganz wage Chance: Ich arbeite momentan einmal die Woche in einer quasi rein männlichen Firma. D. ist mir aufgefallen. Ich glaube, er ist jünger als ich, aber er wirkt so aufgeweckt und ist sehr nett. Nächstes Ziel: Nach der Arbeit mal was trinken gehen, das sollte drin sein. Ha, ich habe sogar noch eine bessere Idee. Am 20.06. gibt es eh eine gute Möglichkeit… Fortsetzung folgt.

Und R.? Ich bin gesprächsbereit. Er nicht. Ich kann also nichts tun. Er will kein Krisengespräch, er will ja keine Krise. Dass die allerdings da ist, auch wenn man nicht darüber spricht, scheint er nicht so richtig zu verstehen.

Sobald ich die nächste Rosenrunde vergebe, Körbe kassiere, Ohrfeigen verteile oder Krisengespäche führe, wird es hier zu lesen sein. Dann wird diese furchtbare Zeit vielleicht zumindest ein wenig unterhaltsam.

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Das kranke Stück Seele

Gestern war wieder Krisenzeit. Den Käseglockenzustand habe ich bereits beschrieben, langsam verstanden und kann halbweg damit umgehen. Der ist eine Mischung aus der Erschöpfung nach eben diesen Krisen und einem zu niedrigen Blutdruck (wer weiß, ob der nicht auch psychosomatisch ist). Jetzt muss der Zustand bearbeitet werden, der mit Abstand der unangenehmste und gefährlichste ist:

Die Krise. Wenn das kranke Stück Seele den ganzen Rest der Persönlichkeit infiziert. Wenn ich zurücküberlege, habe ich diese Krisen seit ich etwa 15 bin und würde behaupten, dass sie sich aus einem dumpfen depressiven Zustand herausgebildet haben. Früher habe ich sie aber nicht als „eigenständigen“ Zustand erlebt, sondern einfach als Realität. Langsam kann ich die Krisenzustände aber von der Realität abgrenzen und als Ausnahmezustände wahrnehmen. Und ich weiß auch, dass ich wieder herauskomme.

Eigentlich meide ich vor allem direkt nach einer Krise jeden Gedanken daran. Ich bin so froh, aus diesem Strudel heraus zu sein, dass ich keinen Blick mehr hinein werfen möchte. Heute versuche ich es einmal.

 

Gefühlsbeschreibung „Krise“

Es ist ein Gefühl der absoluten Ohnmacht und eines immensen Selbstmitleids. Ein Zustand, in dem man durch diese gefühlte Hölle völlig egozentrisch wird. Man selbst erlebt das schlimmste Leid der Erde. Empathie hätte ich in dem Zustand wohl höchstens noch mit Menschen, die ebensolche Krisen erleben müssen. Es ist so verrückt, wie es klingt: Ich würde während einer Krise, wenn mich jemand fragen würde, lieber in einem Kriegsgebiet oder mit einer schweren körperlichen Krankheit leben (und manchmal am liebsten überhaupt nicht mehr) als mit diesen Krisen. Wie ein Kleinkind ist mein größter Wunsch, dass jemand, den ich schätze bei mir ist. Ein großes Problem im Moment, da ich ja hier, wo ich wohne, nicht das Umfeld habe, das ich bräuchte. Ich habe hier zwar meine Familie, aber die weiß überhaupt nichts von diesen Problemen. Die Freunde, die Bescheid wissen, leben in einer anderen Stadt oder in einem anderen Land und telefonieren ist kein wirklicher Trost. Als ich noch in einer anderen Stadt gewohnt habe, bin ich immer zu einer mütterlichen Freundin gefahren. Auch von hier aus habe ich das jetzt schon zwei, dreimal getan, trotz über zweistündiger Fahrt – auch mal mitten in der Nacht. Gestern wäre ich auch fast zu einer Freundin nach Dresden. Zu Ohnmacht und Selbstmitleid kommt also noch die Einsamkeit. Wenn ich die richtige Person um mich habe, kann die Krise schnell wieder abflachen. Wenn nicht, kann ich stundenlang oder auch den ganzen Tag und eventuell auch noch den nächsten mit weinen und herumliegen verbringen. Es ist auch schon seit einiger Zeit nicht mehr allein psychisch, sondern ich bekomme zusätzliche psychosomatische Beschwerden. Meistens ein stechender Schmerz in der Magengegend, manchmal auch in der Herzgegend. Früher hatte ich Atemprobleme in diesen Situationen, hatte den Eindruck, nicht genug Luft zu bekommen. Krisen wären auch eine praktische Diät, wenn man die gerade bräuchte. In keiner anderen Situation purzeln die Kilos wie in Krisen. An Essen ist sowieso nicht zu denken und die psychische Erregung verbraucht anscheinend enorm viel Energie. Das klingt vielleicht für manche positiv, mir macht es aber in diesen Zuständen große Angst, auch noch mit den Augen sehen zu können, welche Spuren die Krise an mir hinterlässt. Das ist eh das schlimmste. Wenn ich merke, dass die Krise Spuren hinterlässt, wenn ich wegen ihr nicht arbeiten gehen könnte… Ich habe mich fast nie wegen einer Krise krank gemeldet, hätte es aber wohl das ein oder andere mal tun sollen. Das würde allerdings die Panik verstärken, dass meine Krisen offensichtlich werden würden, dass man sie von außen sehen kann, wie die Gewichtsabnahme.

Das Gehirn scheint in diesen Momenten so geflutet von bestimmten ungünstigen Transmittern zu sein, dass ich wirklich nur noch unangenehme Gedanken (Schuld, Scham, Fehlentscheidungen, Ohnmacht, etwas Wut) habe und fühle. Und Erinnerungen an unangenehme Momente der Ohnmacht. So entsteht der Eindruck, ich hätte nie eine Chance, davon loszukommen. Unnötig zu erwähnen, warum die Krise also gefährlich werden könnte. Auch meine Fortschritte in der Arbeit erscheinen mir dann nur noch als hilfloses Gezappel, obwohl doch eh alles verloren ist. Alle alten Traumata werden wieder aufgerissen. Die alten Dämonen kommen zum Kaffeekränzchen.

 

Auslöser

Die Trigger. Als ich 15 war, waren es natürlich andere Auslöser als heute, es liegt also nicht zu 100% an meiner Situation von heute, sondern eben auch daran, dass diese Krisenanfälligkeit irgendwie zu meiner Persönlichkeit gehört. Auch eine wichtige Erkenntnis. War ja nie in Therapie, aber irgendetwas borderliniges würde ein Therapeut bestimmt finden. Auslöser für dieses Mal war eine Mischung aus mehreren Dingen: Mein Partner ist ja zurück aus den USA, was allerdings auch wieder das Problem zurück bringt, dass ich mir mehr Kontakt wünsche als er. Er hätte dieses Wochenende zu mir kommen können. Hat er aber nicht gemacht. Das war Punkt eins. Das Gefühl verstärkt sich dann noch, wenn ich sehe, es ist schönes Wetter und ich habe niemanden, mit dem ich es genießen kann. Führt dazu, dass ich den ganzen Tag mit Krise in der Wohnung verbracht habe. Selbst kurz einkaufen war unmöglich. In der Krise ist dann mein Partner auch ausgerechnet der, der damit überhaupt nicht umgehen kann. Er wäre also die schlechteste Person, die ich kontaktieren könnte. Er denkt dann immer, es wäre seine Schuld und fühlt sich auch noch schlecht und als Versager, was dazu führt, dass er sich noch mehr in sein Einzelgängertum verkriecht.

Dazu kam wahrscheinlich, dass ich gerade einige Bücher von Lydia Benecke lese. Sie ist Kriminalpsychologin und schreibt über Persönlichkeitsstörungen, vor allem Psychopathie und Sadismus und auch etwas über Borderline. Damit geht einher, dass sie auch über die traumatischen Kindheitserlebnisse ihrer Klienten und natürlich über deren Taten schreibt und so interessant es für mich ist, ich kann nicht leugnen, dass es mich sehr triggert und an schlimme Erlebnisse erinnert. Dabei sind es weniger die grausamen Taten, die mich mitnehmen, sondern vielmehr die Frage, die sich mir bei der Beschreibung persönlichkeitsgestörter Menschen immer wieder stellt: „Scheiße, wie viel ist bei mir eigentlich kaputt gegangen“. Ich fühle mich wie ein Hypochonder im psychologischen Bereich – noch viel kränker als ich vielleicht bin. Der dritte große Auslöser war sicherlich auch, dass ich die Tage davor einige Tage in bei meinem Freund und viel mit anderen Freunden zusammen wr. Die ersten Tage danach, wenn ich wieder in meiner Wohnung bin, sind immer hart, das weiß ich auch schon aus Erfahrung.

 

Befreier

Schon von einer Freundin die Möglichkeit zu bekommen, nach Dresden fahren zu können, hat mich auf’s Erste etwas beruhigt. Dann habe ich außerdem noch etwas getan, wovon ich nicht weiß, ob es eine gute Idee war. Ich habe über den Typen geschrieben, den ich über Couchsurfing zweimal, mittlerweile dreimal getroffen habe… Der recht deutliches Interesse signalisiert, das ich ja wiederum immer deutlich dämpfe. Dem habe ich geschrieben. Wir hatten schon darüber geredet, war Teil meiner Dämpfung, ihm zu sagen, dass ich nicht immer gut gelaunt und stark bin, sondern Zeiten habe, in denen ich mich seeeehr auf alles Negative fixieren. Habe ihm also geschrieben, dass jetzt gerade so ein Moment ist. Er hat seine Chance gewittert und mich gleich angerufen und hat seine Sache wirklich gut gemacht. Es war schon später am Abend, wo es mir wieder etwas besser ging, daher habe ich ihm gesagt, dass ich nur abgelenkt werden möchte und nicht über meine unangenehmen Gefühle sprechen will. Das hätte ich auf dem Höhepunkt der Krise getan. Wie ein Baby hätte ich ihm alles vorgeheult und später wäre es mir höchstwahrscheinlich peinlich gewesen. Wir kennen uns ja erst so kurz und außerdem ist das Verhältnis ambivalent. Ich will vor ihm eigentlich keine Schwäche zeigen. Weil das Nähe schafft. Er weiß, dass ich einen Freund habe, aber  spätestens jetzt weiß er auch, dass die Beziehung nicht problemlos ist. Gefährliche Sache! Aber ich kann nicht leugnen, dass er mir extrem gut getan hat.

 

Ursachen

Letzten Endes Kindheit und Eltern. Und das ist so ziemlich die einzige Sache, die ich nicht analysieren will, obwohl ich befürchte, dass ich es müsste.  Obwohl… Nein, vieles ist mir sehr klar. Was zu tun wäre, wäre ein klärendes Gespräch. Das ist erst möglich, wenn ich stabiler bin. Gibt also gerade keine andere Möglichkeit als weitermachen mit der Psychoarbeit!

Maniezucht

Mein neuer Ansatz zur allgemeinen Stimmungsaufhellung: Ich züchte in mir meine manischen Gefühle. Das klingt erst einmal ungesund und mein erster Gedanke war auch: Wahrscheinlich gehe ich aus diesem Experiment hinaus mit einer bipolare Störung. Aber ich habe eigentlich nur ein etwas zu extremes Wort gewählt: Manie. Eine richtige Manie kenne ich nicht, aber ich nehme an, dass eine richtig manische Phase, das ordentliche Gegenteil einer depressiven Phase wäre. Man könnte also auch sagen, ich versuche, bei mir Gefühle von Erfolg und Stolz besser und intensiver wahrzunehmen und dann gezielt Situationen anzusteuern, die mir diese Gefühle bescheren können.

Der Auslöser für diesen Ansatz war eine größere Familienfeier. Meine grundsätzliche Situation mit all ihren Beziehungsproblemen und -krisen und den anderen Schwierigkeiten war an diesem Abend keine andere. Ich hatte auch wieder einmal damit gehadert, ob ich mich nicht lieber verkriechen sollte, anstatt die Feier zu besuchen. Schließlich bin ich aber doch gefahren und saß dort am Tisch mit meinem Bruder und einigen Couins, Cousinen und Freunden der Familie. Einer meiner Cousins, es hätte auch ich sein können, aber es war tatsächlich mein Cousin, wollte dann Rätsel lösen. Der ganze Tisch verbrachte schließlich die Feier damit, mit Papier und Stift unterschiedlichste im Internet recherchierte Rätsel zu lösen. Ich war wie ein Fisch im Wasser, absolut in meinem Element und habe dadurch natürlich alle anderen abgehängt. Ich gebe zu: Ich hatte eine Art sadistische Freude, wenn ich ein Rätsel bereits gelöst hatte und die anderen mit Fragezeichen über den Köpfen herumgrübeln sah. Ich bin auch selbst nicht ganz zufrieden mit dieser Quelle von „manischen“ Gefühlen, aber ich stelle erst einmal fest: In diesem Moment war ich (schaden-)froh, lustig, glücklich und stolz und ich war damit auch sozial „kompetenter“. Der Drang nach dem Verkriechen verschwindet in diesen Momenten und ich war einfach gut drauf – trotz unveränderter „Gesamtsituation“. Das ist eine sehr wertvolle Feststellung, denn es kommt wirklich nicht oft vor, dass ich solche Gefühle erlebe. Heute, ein paar Tage später, ist davon nicht nur nichts mehr übrig, sondern ich kann mich noch nicht einmal daran erinnern, wie es sich genau angefühlt hat. Ich bin nicht außergewöhnlich schlecht drauf heute, aber ich kann mich kaum mehr in die Situation hineinfühlen. Welche Neurotransmitter auch immer Erfolg und Stolz fühlen lassen, die legen sich in meinem Kopf schnell wieder schlafen. Und ihre Ausschüttung stumpft auch sehr schnell ab. Heißt: Eine Situation, die mich heute stolz gemacht hat, kann mich morgen  – oder heute – schon völlig kalt lassen.

Mein Freund erzählte mir einmal von einem dieser etwas dämlichen Workshops, die er bisweilen in der Arbeit besuchen muss. Um den Teilnehmern näher zu bringen, wie sie sich und ihr Team motivieren können, sollte jeder von einer persönlich erlebten Situation erzählen, in der er besonders stolz war. Mein Freund meinte, dass es schon beeindruckend war, wie sich die Gesichter veränderten, wenn die Leute sich an diese schöne Zeit erinnerten. Da schon habe ich mir gedacht, dass ich mir nicht sicher bin, ob diese Aufgabe bei mir funktionieren würde. Ich kann mich kaum an Dinge erinnern, auf die ich stolz bin und müsste lange dafür nachdenken. Und wenn ich mich erinnere, dann nur sehr wage und ohne dass dieses Gefühl auch nur teilweise wieder auflebt. Selbst nach Abi und Uniabschluss war mir nie zum Feiern zu Mute. Ich war nur froh, dass die Ackerei ein Ende hatte. Eher im Gegenteil, ich hatte das Gefühl, es nicht gut gemacht zu haben.

Ein Problem mehr ist also erkannt: Ich fühle zu selten Erfolgsgefühle, die gegenteiligen Gefühle zum sonstigen Verzweifeln an der eigenen Ohnmacht. Ich habe keine Lust, mich zu zwingen, stolzer auf meine Leistungen zu sein. In diese Richtung funktioniert das bei mir nicht. Ich kann momentan nur abwarten, bis sich so ein Gefühl wieder einstellt und es dann gnadenlos analysieren und seine Bedingungen abklopfen, um mich besser an diese Art der Gefühle erinnern zu können und um den ganzen Mechanismus vielleicht nicht nur zu verstehen, sondern eines Tages auch ein wenig steuern zu können. Aus den kleinen Maniepflänzchen, sollen große und starke Gedanken und Gefühle werden … nur nicht zu stark halt… genau soweit, dass die depressive Neigung neutralisiert wird. Stimmungsnormalisierung sozusagen.

Bilanz und von verschiedenen Glücken

Ja – Glücken! Wieder dieses Pluralproblem! Ich will nicht Glücksmomente schreiben und auch kein anderes Wort. Es muss Glücken heißen.

Mit aller Vorsicht würde ich behaupten: Problem Arbeit ist zum großen Teil abgehakt. Man kann natürlich noch feilen. Aber ich habe diesen einen Schlüssel endlich gefunden – oder selbst hergestellt – auf den ich mich konzentrieren kann und mit dem ich die Angst wegbekomme. Ich erwische ihn noch nicht immer zu 100 %, aber ich weiß, wo er ist. Das ist eine enorme Erleichterung! Was für Kapazitäten plötzlich frei werden! Ich muss das jetzt eine Zeit einfach nur genießen und will gar nicht mehr genau hinschauen, wie genau das jetzt tatsächlich funktioniert hat. Notiert wird jedenfalls: Angst wegmachen ist eine echt hartnäckige Angelegenheit. Aber möglich. Ich muss das Thema, das ich jetzt jahrelang intensivst bearbeitet habe, nur wirklich etwas ruhen lassen. Wie eine Stelle, die man jahrelang immer wieder operiert hat und die jetzt gut verheilen muss.

Beziehung schläft immer noch. Tag 19 von 27. Noch über eine Woche, bis er wieder da ist. Immerhin, auch hier zeigt meine zähe Arbeit Wirkung. Er meldet sich häufig und in einem lieben Ton, was mir die Zeit doch etwas leichter macht. Trotzdem verstehe ich die X-tausend Seiten Liebessehnsuchtspoesie, die die Menschheit bisher schon so produziert hat. Man fühlt sich beim Schreiben bestimmt der geliebten Person näher. Leider passen romantische Briefe nicht zu unserer Beziehung. Ich lenke mich also eher von der Sehnsucht ab.

Was macht der Vorsatz, mehr Anschluss zu finden in meiner Stadt? Läuft noch etwas schleppend. Ich habe einen Couchsurfer getroffen, der auch bald hierher ziehen wird. Die zwei Treffen waren interessant und wenn ich das so schreibe, steht eigentlich schon die Erkenntnis schwarz auf weiß auf dem Bildschirm. Wie kann man schnell und doch sehr treffend die Persönlichkeit von jemandem beschreiben? Wenn man die Frage beantwortet: Was ist sein/ihr Ziel bei sozialen Interaktionen (beschränken wir es hier mal auf Interaktionen privater Art)? Der Couchsurfer hat nämlich eins, von dem ich weit entfernt bin: Sein Glück beim Leute treffen und mit ihnen reden besteht darin, den Leuten Glück zu schenken. Er flirtet zum Beispiel ältere Damen an, damit die sich gewertschätzt und vielleicht auch wieder ein bisschen jung fühlen. Er schenkt Menschen Träume. Das heißt, er ermutigt sie, mit seiner eigenen Geschichte, an ihrer Karriere zu arbeiten oder ihr Leben sonst wie zu verbessern. Er sagt Menschen nette Worte, um ihnen ein Bild zu spiegeln, in dem sie sich gerne ansehen. Das ist sein Glück, weil er gute Gefühle und Dankbarkeit daraus ernten kann. Charmant würde man es vielleicht nennen. Fast undenkbar für mich. Ich vermeide Blicke auf der Straße völlig. Habe mir schon ernsthaft überlegt, mir eine Brille mit starken Gläsern zu besorgen, eben damit ich alles nur noch verschwommen sehe. Nahe Menschen kann ich schon zu etwas motivieren und ermutigen, aber „Träume schenken“ klingt für mich eher wie Illusionen aufbauen. Es ist für mich auch kein Glück, Leuten ein gutes Bild von ihnen zu spiegeln, auch wenn ich gelernt habe, es etwas mehr zu tun. Wahrscheinlich deshalb, weil ich die wenigsten Komplimente anderer an mich annehmen kann. Mir kann man nur sehr schwer ein gutes Bild von mir selbst spiegeln. Ich bin immun gegen Charmattacken. Daher ist es für mich auch nur schwer verständlich, dass ich jemandem damit etwas Gutes tun kann. Mein Glück in der Interaktion ist das gemeinsame Forschen, Rätseln und Analysieren. Ich kann Freunde in vielen Lebenslagen gut beraten und das wird oft geschätzt und diese Wertschätzung nehme ich gerne an. Das macht mir auch Spaß, weil ich gerne Situationen auseinander nehme und analysiere. Ich bespreche gerne Persönlichkeiten mit anderen oder auch etwas wissenschaftliches, fast alles, was man analysieren kann. Daher kann ich schreiben: Die Treffen waren interessant. Es hat mir Spaß gemacht, eine so anders verdrahtete Persönlichkeit zu analysieren. Abgesehen davon ist er auch sympathisch und ich mag ihn. Was die Sache aber verkompliziert: Er ist Single und auf der Suche. Ich will nicht zu viel Interesse signalisieren, das könnte falsch verstanden werden. Ich bin nicht sicher, ob eine reine Freundschaft ihm taugen würde. Ich glaube, es verschreckt und verunsichert ihn schon etwas, dass seine typische Masche „Freude und Träume schenken“ bei mir nicht funktioniert. Der andere Punkt ist der, dass er es offensichtlich gewohnt ist, intellektuell über anderen zu stehen. Zum Beispiel war er auf einer Schule für Hochbegabte. In diesem Punkt allerdings kann ich gegenhalten und das macht mir schon auch großen Spaß. Das merkt man im Gespräch sofort. Ich ziehe die Hochbegabten auch irgendwie an, er ist nicht der erste – auch mein Freund gehört ja zu den Hoch-IQlern. Ich habe nie einen Intelligenztest gemacht, aber es ist der Bereich, in dem ich keine Selbstwertprobleme habe. Emotional ja. Emotional habe ich viele verkrüppelte Bereiche, aber Logik und Verstand funktionieren ganz gut, wenn ich sie benutze (was nicht immer der Fall ist – und ganz lange habe ich sie gar nicht benutzt, weil sie durch diese seltsame Sinnlosigkeit-Depression blockiert waren). Die ersten Gespräche mit einem frisch kennen gelernten Hochbegabten (der einen beeindrucken will) sind dann im Hintergrund wie ein Tennis-Match. Das Gegenüber will mit etwas schlauem beeindrucken und dann greift man sein kompliziertes Konzept auf, zerlegt, kommentiert und/ oder hinterfragt es und wirft es ihm wieder vor – Aufschlag pariert. Das macht schon Spaß. Bisschen die Überheblichkeit ausbremsen. Manchmal nimmt der andere es auch sportlich, manchmal verunsichert das aber auch – vor allem die Männer. Plötzlich haben sie nicht mehr die Oberhand. Bei dem Couchsurfer weiß ich noch nicht, ob es ihm Spaß macht oder ihn abschreckt. Mal sehen, wie das weiter geht.

Und der Vorsatz, mir viel Gutes zu tun, um generell Lust und Laune über Wasser halten zu können? Ich muss ja ständig gegensteuern, weil ich sonst einfach nicht mehr weiß, mit was ich mir überhaupt etwas Gutes tun kann. Wenn alles einmal von der schwarzen Depri-Suppe überschwemmt ist, WILL ich nichts mehr. Unerträgliches Gefühl! Aktuelle Taktik also: Jedem „Ach, ich könnte jetzt ja mal…“ nachgehen. Ja, geht so. Ich bin ein paar Mal – auch nur für einen Tag – in meine alte Stadt gefahren, um Freunde zu treffen, ich bin mindestens wöchentlich in Therme oder Schwimmbad, hole mir Abends immer mal wieder eine Pizza und konsumiere recht viele Serien, Adventure-Spiele und Podcasts. Die Laune ist zumindest nicht abgestürzt und ich halte mich möglichst viel in der Ablenkung auf, um keine Geister zu wecken. Aber die sind eh immer wach. Vor allem wenn ICH schlafe, dann spuken sie in mir. Und auch tagsüber wehen immer wieder schlechte Gedanken im Kopf umher. Immerhin registriere ich sie mittlerweile und kann sie dann manchmal wegschieben.

Und welcher Kampf kommt jetzt nach dem Arbeitskampf? Familienplanung! Juchu! Nach „Wie überlebe ich in einer Arbeit, die Panik in mir auslöst“ kommt nun „Wie bekomme ich ein Kind mit einem Mann, der Panik vor Familie hat?“ Was habe ich nur für ein Leben???

Die unsichtbare Weichenstellerin: die Einstellung

Immer öfter schaffe ich es mittlerweile, alle Teile meiner Arbeit gut zu machen. Immer öfter schaffe ich es, die Angst links liegen zu lassen, die Person in mir zu aktivieren, die ich (auch) bin, die coole Socke, und immer öfter muss dieses sich ohnmächtig fühlende Angstwrack in der Ecke sitzen. Ergebnisse langer Arbeit. Lang und aufwendig, weil eine Einstellung vom Herzen akzeptiert, trainiert und abrufbar gemacht werden muss. Am Ende ist es nämlich in sozialen Situationen nicht das, was man sagt oder tut, was den Unterschied macht, sondern die Einstellung mit der man es macht. Oder anders: mit der richtigen Einstellung kommt ein Großteil der richtigen Worte und Handlungen von alleine. Auch beim Schauspielern ist das die große Kunst. Ein Gefühl, eine Einstellung abrufbar machen, wirklich empfinden in dem Moment. Bei mir gab es allerdings noch eine zusätzliche Hürde: Mein Herz hat sich anfangs geweigert, die Angst loszulassen und hat keinen Platz gemacht für eine andere Einstellung. Überlebensmodus: Ich nehme den Weg, der schon einmal funktioniert hat und keinen anderen. Rekapitulation der bisherigen Arbeit:

• Herz überzeugen: Immer und immer wieder Reflexionen mit dem Ergebnis: Es gibt nur den einen Weg: Entweder ich überwinde die Angst und Unsicherheit oder mein Leben ist im A…. Man könnte jetzt meinen, dass die drastische Formulierung mir noch mehr Druck gemacht hätte, tatsächlich hat sie mir aber geholfen. Aus einem „Ich möchte nicht, es gibt vielleicht noch irgendeine Alternative, die man finden müsste“ ist ein „Ich geh da jetzt durch und ich weiß mit welcher Einstellung das einzig und alleine gelingen kann“ geworden. Ein Spiel des Lebens. Wenn ich gewinnen will, brauche ich die mutige Einstellung (und im Wort mutig steckt eine ganze Menge).

• Aufbau der richtigen Einstellung: Ich habe mir jahrelang Vorbilder näher angesehen, habe mich hineingefühlt, habe mir überlegt, wie man sich fühlen muss, um so handeln zu können, welche Einstellung man dafür haben muss, habe einzelne Charakterzüge imitiert. Ich habe meine mutige Einstellung in anderen Situationen wahrgenommen. Ich habe zum Beispiel als Frau kein Problem im Dunkeln joggen zu gehen, bin nach dem Abi alleine quer durch Europa gereist, teilweise nachts in fremden Städten angekommen ohne zu wissen, wo ich übernachten werde (damals gab es noch keine Internethandys) und ich habe/hatte überhaupt kein Problem damit und mir ist noch nie ansatzweise etwas passiert und wahrscheinlich ist mir auch nie etwas passiert, WEIL ich dort die richtige Einstellung habe und damit auch die richtige Ausstrahlung (geht tatsächlich miteinander: Ein-stellung und Aus-strahlung). Ich bin nicht weit davon entfernt im dunklen Park davon auszugehen, dass ICH die gefährlichste Person im Park bin. Ich fühle mich überhaupt nicht ohnmächtig in dieser Situation, auch wenn ich weiß, dass ich weder unverwund- noch unbesiegbar bin. Das Risiko, davon bin ich überzeugt, angegriffen zu werden, ist wesentlich geringer, wenn man Stärke ausstrahlt. Kurz: Ich habe meine coole Socke wieder wahrgenommen und damit konnte ich das Problem mit dem positiven Denken fallen lassen. Grundloses positives Denken hat bei mir nie funktioniert. Ein Satz wie „das wird schon gut gehen“ hat mich nie beruhigt – im Gegenteil. Ich habe keinen unbegründeten Glauben mehr gebraucht. Ich WUSSTE, ich trage auch den mutigen Persönlichkeitsanteil in mir. Und ich wusste: Genau den brauche ich jetzt, ich muss ihn nur noch stärken und abrufbar machen.

Einstellung abrufbar machen: Schwierige soziale Situationen werden für mich wohl immer ein Trigger für Angst bleiben. Jetzt gibt es das Problem, dass sich die Angst nicht aussschalten lässt. Sie wird wie automatisch ausgelöst und wenn sie einmal da ist, wird es immer schwieriger die mutige Person in mir wiederzufinden. Im Extremfall habe ich eine innerliche Mauer um mich herum und „Mut“ ist wirklich nur noch ein Wort. „Ohnmacht“ dagegen füllt scheinbar meine ganze Persönlichkeit aus. Keine Chance mehr an die coole Socke zu kommen. Und trotzdem geht es, nicht immer, aber immer öfter. Trotzdem kann ich die Angst links liegen lassen, meinen Fokus auf die immer wieder meditierte Einstellung lenken. Mit der Angst mache ich dabei gar nichts. Die wird wegignoriert, indem man seine Konzentration immer und immer wieder zurücklenkt auf die mutige Einstellung, in die man sich so oft, auch in entspannten Situationen, hineingefühlt hat. Und mit Training wird der Mut immer abrufbarer. Das ist der Schritt, bei dem ich auch sagen würde, dass der ein oder andere ihn sich mit verschriebenen Medikamenten zur Überbrückung erleichtern könnte, weil dieser Triggerautomatismus ein harter Knochen ist. Bei mir kommen keine Psychopharmaka zum Einsatz, aber ich habe festgestellt, dass mein Kreislauf nicht stabil ist und dass die „Käseglockentage“, an denen ich das Gefühl habe, nicht richtig wach zu werden und ich daher noch weniger Chancen habe, meine Konzentration zu lenken, mit einem zu niedrigen Blutdruck zusammenhängen. Wenn ich also merke, dass ich mich an dem Tag schwach fühle, gibt es Kreislauftropfen und Kaffee. Außerdem achte ich darauf, dass ich nicht in den Unterzucker gerate – kurz: kleine Snacks auch ohne Appetit. Das langt mir meistens schon. Es gibt auch Tage, an denen es nicht funktioniert, aber das ist ok so, solange ich weiß, dass ich es aber schaffen kann.

Nichts von alledem klappt übrigens ohne Achtsamkeit. Achtsamkeitsarbeit lohnt sich. Je öfter am Tag, desto besser, zumindest, wenn man ein Problem hat. Wie fühle ich mich? Warum fühle ich mich so? Und aufschreiben, um Muster, Zusammenhänge und Auslöser zu erkennen.

Kurzurlaub von der Negativität im Nirwana

Aufatmen, seelische Verkrampfungen lösen, Kopf aus dem turbulenten Gefühlschaos strecken und in Ruhe von oben darauf hinabblicken. Es geht. Und mit Training wird es bestimmt noch besser gehen, länger anhalten und triggerresistenter werden.

Ich habe den Buddhismus seit langem einmal wieder besucht. Nicht, dass ich ihn schon einmal besonders intensiv praktiziert hätte. Es ist eher so, dass ich ihn bei der Beschäftigung mit anderen Philosophien immer wieder gestreift habe. Ich habe mich lange absichtlich vom Buddhismus ferngehalten, weil das Konzept vom Nirwana mir zu nahe an dem Gefühl meiner Kindheits-/Jugenddepression war. Neben emotionalen Auslösern bin ich damals auch deswegen so tief abgerutscht, weil ich intellektuell einen Lebenssinn nach dem anderen dekonstruiert habe, bis ich am Ende keine Handlung mehr für sinnvoll hielt. „Egal, was ich mache, es ist ja immer nur für das Tier Mensch in mir. Einen höheren Sinn sehe ich nirgends.“ So irgendwie muss ich damals gedacht haben. Dinge, die mir Spaß gemacht haben, wurden zu Triggern der Sinnlosigkeit. Ich erinnere mich zum Beispiel an die Perlentiere. Ich konnte die Perlen nicht mehr anrühren oder ansehen, weil es in mir sofort eine Art Wut auslöste („Warum sollte ich den Scheiß machen, ist doch sinnlos.“). Eigentlich war ich ziemlich genau Goethes Faust. Auf der Suche nach einem höheren Sinn, der aber nirgends zu sehen war. Resultat war unangenehm. Daher mein bisheriger Abstand zum Buddhismus.

Jetzt kommt er langsam wieder in mein Leben. Im positiven Gewand. Als Chance, sich eine Auszeit von der ganzen Negativität zu nehmen, die mir tonnenschwer auf der Seele lastet. Ich habe angefangen mit einer Folge Zencast, einem Podcast zum Buddhismus. Die Folge lässt sich zusammenfassen auf eine Meditierempfehlung: „Frage dich nur: Wie geht es mir? Und dann gib dem Gefühl Raum.“ Und damit soll es einem dann besser gehen. So einfach hört es sich an, aber was für ein schwerer Weg an diversen Abhängen entlang! Erst dachte ich, so viel kann das nicht bringen, ich weiß sehr genau, wie ich mich fühle. Erster Irrtum. Was ich in depressiven Phasen noch spüre ist ein Nebel aus schlechten Gefühlen – ähnlich der Trübe bei Zuständen der Sehnsucht unter der Käseglocke. Ich fühle ein Chaos aus Scheißgefühlen. Ich bin also tiefer eingetaucht in diesen Nebel, was beinahe zum Absturz am ersten Abhang geführt hätte: Mein Leben im Notstandsmodus besagt ja auch, dass ich es möglichst vermeide, zu sehr über meine Situation zu reflektieren und jetzt mache ich hier genau das Gegenteil. War ja klar – erst einmal wieder Heulkrampf, Selbstmitleid und Mimimi. Weiter – ich kenne ja schließlich das Nirwana, wenn auch eher aus der unheimlichen Perspektive. Aus dem dichten Nebel aus Negativität wurde dann allmählich die Erkenntnis, dass ich quasi alle Menschen in meiner Umgebung mit negativen Gefühlen belegt habe. Scham gegenüber der Familie (Scham, weil man von außen leicht urteilen könnte, dass mein Partner mich nicht gut genug behandelt), Schuld gegenüber der Familie, weil ich den Kontakt mit vielen meide (-> Scham), Minderwertigkeit gegenüber meinen Kollegen, Neid und Trauer gegenüber vielen Freunden mit einem „richtigen“ Partner und einer intakten Familie. Und ganz schlimm: Das Gefühl zu meinem Freund. Ganz schwer zu greifen. Da ist alles dabei, Wut, Trauer, Sehnsucht, Liebe, Angst. Fühlte sich an wie ein brennender Ball. Nun war der Nebel zwar klarer, aber statt Nirwana kam der Impuls, die Gefühle in eine bestimmte Handlung umzuwandeln. Etwa „Oh Mist, ich muss dringend meinem Bruder antworten, der arme kann ja nichts dafür, dass es mir so schlecht geht.“ Das ging über in ein: „Ok, ich bin alles andere als perfekt momentan, aber ich überlasse es jetzt mal den anderen, auf diese Imperfektion zu reagieren. Das ist gerade eben so. Sie haben die Freiheit, auf ihre Art und Weise darauf zu reagieren und ich sehe mir das ganze einfach erst einmal an.“ Schließlich gab es die Belohnung. Ein kurzer Blick ins heitere Nirwana. Es war ein Kopf aus dem Wasser recken, trotz diverser Gewichte, die mich ständig wieder nach unten zogen. Ein Zustand, in dem das Bewusstsein auf seinen einfachsten Bestandteil reduziert wurde, in dem man von allem abstrahiert, bis man nur noch Bewusstsein ist. Ein Zustand, in dem man dem bunten Treiben der Gefühle von oben zusieht und in dem man neben sich seine Mitmenschen ebenso als „nur Bewusstseins-Wesen“ wahrnimmt. Auch wenn sie selbst „unter Wasser“ im Gefühlschaos unterwegs sind. Man wird zum Spieler, der seine eigene Spielfigur sieht und steuern kann. Ich musste auch wieder an Schillers „Ästhetische Erziehung des Menschen“ denken und sein Zitat: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Und mit aller Vorsicht wage ich auch die Aussage: Es ist ein Zustand, der einem die Erleichterung verschafft, die man sich als suizidaler Mensch vom letzten Schritt erhofft, aber für die man nicht sterben muss.

Das Nirwana besuchen heißt auch nicht, dass einem alles egal wird. Das war mein Fehler damals. Man darf seine menschlichen Wünsche behalten, aber man verkrampft sich wegen ihnen nicht mehr. Man kann locker lassen und locker ergibt sich vieles, was vorher Kampf war, von alleine. Man gewinnt Abstand und kann wieder man selbst sein anstatt sich Stück für Stück nur noch in seine negativen Gefühle zu verwandeln.

Notstand 1: Beziehung (Tag 1/27)

Ein Monat ohne Partner und das in einer mal wieder extrem fragilen Phase von mir. USA-Reise. Eine Woche für die Arbeit, zwei Wochen Roadtrip und kommende Woche werden wir uns auch nicht mehr sehen können. Ich könnte kotzen bei dem Gedanken daran. Stattdessen versuche ich dem Monat nun einen Sinn zu geben.

Ziel 1: Herausfinden, in welche Richtung die Beziehung sich entwickeln muss, damit ich GUT mit ihr leben kann, und wie sich das anregen oder umsetzen lässt. Momentan häuft sich einfach so viel Frust an. Grund für seinen extremen Rückzug ist seine schlechte Stimmung aktuell. Man kann es auch depressive Phase nennen und sie überrascht mich nicht, wohnt er ja erst seit September in Deutschland und – auch wenn er sie vorher auch nicht täglich oder wöchentlich gesehen hat – sieht so seine Freunde weniger. Ganz zu schweigen von den ganzen anderen Schwierigkeiten, die so ein Landwechsel mit sich bringt. Sprache, Gepflogenheiten, Bürokratie etc. Ich hatte das ganze ja auch zwei Jahre lang nur umgekehrt in seinem Land. Eine depressive Stimmung verstärkt ganz fies die Punkte, an denen man verletzlich ist. Bei ihm ist das eine Art Komplex rund um das Thema Tod, bis hin zu Panikattacken beim Gedanken an die eigene Sterblichkeit. Und eine Paranoia, die sich bemerkbar macht in einem völlig passiven Beziehungsverhalten. Er wird keine Wünsche oder Bitten äußern, er wird Vorwürfe und Kritik in sich hüten und brüten, wenn die Stimmung nicht harmonisch genug ist, wird er Abstand suchen. Misstrauen. Bloß dem anderen kein Vertrauen auf Kredit geben. Ihm ist das alles bewusst und er versucht gegenzusteuern. Mehr oder weniger erfolgreich. Der Punkt, über den wir noch nicht direkt geredet haben, ist seine Unentschiedenheit der Beziehung gegenüber. Ich glaube, er plant sein Leben als Single, denn nur auf sich kann er sich 100 %ig verlassen. Die Partnerin kann sich irgendwann gegen ihn wenden – stressig und fies werden und sich trennen (hat er mehrfach durchlebt, einmal auch mit mir, allerdings war ich immerhin nicht fies, als wir uns einmal für längere Zeit trennten und ein großer Trennungsgrund war ja gerade dieser Punkt). Als Partnerin ist das für mich allerdings sehr belastend zu merken, dass der andere einen in seinem Leben (skeptisch) akzeptiert, solange man keinen Stress macht, sich aber quasi schon jeden Tag im Vornherein von der Beziehung verabschiedet, gar nicht erst richtig eintritt. Nur was mache ich jetzt daraus? Für ihn ist Vertrauen schenken verknüpft mit Erniedrigung. Und das ist ziemlich fest in seiner Persönlichkeit verankert. Trotzdem muss ich da mal in diese verfestigten Strukturen reinstochern. Ich kann so jedenfalls nicht weitermachen.

Ziel 2: Ich brauche neue Freunde. Auch wenn ich jetzt schon 1,5 Jahre hier lebe und auch viel Familie in meiner Stadt habe, befindet sich ein großer Teil meiner Freunde 200 km oder noch viel weiter weg. Hier direkt in meiner Umgebung habe ich eigentlich nur eine gute Freundin. Ja, Kollegen gibt es hier, aber da ist jetzt keiner dabei, mit dem ich besonders dicke werden will. Also wird jetzt der Monat genutzt und etwas gemacht, auf das ich nicht wirklich Lust habe…. etwas unternommen, um neue Leute kennen zu lernen. Ui, das wird lustig… Bilanz und Zwischenbilanzen werden folgen.

Ziel 3: Inseln der Freude schaffen in diesem furchtbaren Monat März. Freunde besuchen fahren, Städtetrips machen, Kultur konsumieren. Zwar mag es sein, dass ich das ein oder andere davon nicht unbedingt als Freude erleben werde, weil ich eigentlich am liebsten zu Hause bin, aber da mein zu Hause gerade fies meine Einsamkeitsgefühle triggert, ist es besser, leicht genervt unter Leuten zu sein, als heulend in der Wohnung.

Wenn der Text sich komisch liest, liegt das daran, dass es halb drei Uhr morgens ist und mir die Augen zufallen.

Leben im Notstandsmodus – über Motivation und den absoluten Nullpunkt

Leben in den letzten Wochen war einfach nur: mit aller Kraft vermeiden, wieder an dem Punkt zu enden, wo nichts mehr möglich ist. Beschäftigt bleiben, nicht zu tief über die eigene Situation reflektieren. Den Weg in die Sackgasse, in der ich wirklich keine Motivation mehr für irgendwas habe, kenne ich mittlerweile mehr als auswendig und es ist das unerträglichste Gefühl, das ich kenne: auf nichts mehr Lust haben. Ich weiß dann nicht mehr, wie ich überhaupt irgendwann Spaß an meinen üblichen Hobbys haben konnte – an diesen völlig sinnlosen Tätigkeiten. Ich weiß nicht, was mir ein Treffen mit irgendeinem Freund oder Freundin bringen könnte. Die einen würden mich nicht verstehen, die anderen würden mich bemitleiden und versuchen, mir mit den üblichen Floskeln Mut zu machen. Beides unbrauchbar. Appetit ist auch weg. Keine Chance, mir mit irgendeinem Essen eine Freude zu machen. Und warum komme ich immer wieder dahin? Weil mein Leben, warum auch immer, ein ständiger Kampf sein muss. Nichts, wirklich gar nichts läuft einfach mal. Bisher musste ich für alles, was mir wichtig ist, bis auf’s Letzte kämpfen. Und das liegt nicht nur am Schicksal, sondern aus einer denkbar schlechten Kombination aus Schicksal, psychischer Veranlagung und (Nicht-)Erziehung. Eigentlich wäre alles so simpel: Ich will meinen Job gut machen, eine Familie und halbwegs lange halbwegs gesund bleiben. Mehr nicht. Ich will nicht reich werden, ich muss keine 100 Jahre alt werden, ich brauche kein Eigenheim und will auch nicht von meinem Partner mit Rosensträußen und Liebesbekundungen überhäuft werden. Gut, danke, die Gesundheit spielt noch halbwegs mit, zumindest die physische. Und jetzt muss ich mich mit aller Kraft davon abhalten, mich furchtbar zu bemitleiden und jede Lebenslust zu verlieren. Es gibt Leute, die können einmal heftig heulen und dann passt die Welt wieder. Wenn ich einmal anfange, dann wird alles nur noch viel schlimmer und es wird noch schwerer, mich wieder aus dem Sumpf zu hiefen. Nachdenken ist schlecht, heulen ist schlecht, ausruhen ist schlecht … alles führt nur direkt zum absoluten Nullpunkt.

Daher funktioniere ich gerade nur im Notstandsbetrieb. Ablenken, beschäftigt bleiben und ganz neu: Lüste pflegen (es gibt Wörter, die werden im Plural seltsam). Nach Frust war die Reaktion der Wahl bisher: Selbstbestrafung, Herumgrübeleien, Schuldgefühle, Selbsthass. Das kippe ich jetzt. Bringt nämlich nichts. Aussortiert durch trial and error. Direkter Weg zum absoluten Nullpunkt. Nein, jetzt gibt es nach jeder stressigen, überfordernder Situation, nach jeder Herausforderung nach jeder Überwindung, sich mit alten Traumata zu konfrontieren, nach jedem Risiko für den Selbstwert eine Belohnung, solange ich sie mir noch geben kann (funktioniert ja nicht mehr, wenn einmal am Nullpunkt). Das ist nicht einfach, wenn das größte Hobby eigentlich das Nachdenken ist, das läuft nämlich bei Frust schnurstracks zum …. oft genug erwähnt. Also gibt es jetzt Therme, Schwimmen, Joggen (ja, tatsächlich eine Belohnung für mich), gutes Essen, Reisen, Kurztrips und – Hip-Hop-Musik (nicht die Musik, wo mir das Herz aufgeht, hält aber davon ab, sich selbst zu bemitleiden). Die Vorsätze beschränken sich auf: Das Selbstwertproblem und die Traumata mit ihren Triggern kann ich unmöglich kaschieren, das weiß ich mittlerweile. So etwas schimmert durch jede Pore, auch wenn nicht jeder sie als eben das interpretieren kann. Man wird immer irgendwie komisch oder verletzbar auf andere wirken. Also muss ich DAMIT arbeiten. Darin liegt die ganze Kunst, die ich zwar nicht gut, aber doch bis zu einem gewissen Grad beherrsche, aber eben auch nur, wenn ich nicht zu nahe am Nullpunkt bin (und daher sind wir wieder 13 Zeilen weiter oben, zumindest hier im Editor).

Übrigens spannend zum Thema Motivation: Kitchen impossible. Mein Leben in der Nussschale. Mit dem Unterschied, dass ich mir nicht ausgesucht habe zu leben. Daher gilt Mälzers Motto „Antreten macht nur Sinn, wenn man davon überzeugt ist, auch zu gewinnen“ nur bedingt für mich. Mein Antreten habe ich nicht entschieden, aber es macht trotzdem nur Sinn, wenn ich überzeugt bin, in meinem Leben gut abzuliefern. Nach eigener Aussage leidet Mälzer an einem Minderwertigkeitskomplex gegenüber den „richtigen“ Sterneköche und unter seinem Ruf als äußerst mittelmäßiger und wenig exquisiter Fernsehkoch. Und jetzt wird aber dieses Selbstwertproblem plötzlich höchst unterhaltsam, weil es zu leidenschaftlichen Kochduellen und amüsanten Neckereien zwischen den Duellanten führt. So muss das aussehen, wenn man MIT einem Problem agiert und nicht dagegen. Jetzt hat er eine Eigenschaft, der Mälzer, die ich nur ganz im Ansatz ein klein wenig in mir trage: Er ist fähig zur Selbstüberschätzung und zum Größenwahn – wenn auch auf einer selbstironischen Ebene. Das ist – vor allem auf der ironischen Ebene, er glaubt es ja trotzdem irgendwie – gar kein schlechter Coping-Mechanismus für den Minderwertigkeitskomplex. Zumindest hat er einen riesigen Vorteil zum Selbstmitleid und Mimimi: Er motiviert. Das ist der Kern von Motivation: Man denkt dran, wie cool das wäre, ein bestimmtes hohes Ziel tatsächlich zu erreichen und man glaubt, dass man es erreichen kann. Typischer Mälzerischer Größenwahn etwa: „Wenn ich keine Ahnung habe, erfinde ich einfach eine neue geniale Technik“ oder „Ich muss mich immer zurückhalten, das Essen, das ich nachkochen soll, nicht zu sehr zu verbessern“. Was braucht es noch, um das Selbstwertproblem salonfähig zu machen? Gegner erniedrigen: „Fett, altmodisch, blätterige Kruste, auch das Gericht in der Kiste lässt sich mit diesen Attributen beschreiben…“ steht in dem Brief für Konstantin Fillipou, den Mälzer zur Kiste überreichen lässt. Klar, es ist ein völlig ironisches Erniedrigen, eher schon ein Zeichen der Zuneigung. Es ist ein Erniedrigen im Spiel. Und trotz des Spielcharakters gibt es die Momente des Frusts (Mälzer: „Das sind die Momente, in denen ich Kitchen impossible hasse!“). Wenn das Gericht entgegen des ganzen vorausgegangenen Größenwahns in die Hose geht. Dann wird geflucht und dann denkt er auch an aufgeben und man sieht im an, dass er wirklich angepisst ist (weniger in der Folge gegen Tohru als in der gegen Raue, in der er Flugzeugessen nachkochen musste). Das sind meine Nullpunktmomente im Kleinen. Da tut er sich selbst Leid, kommt aber auch ganz geschickt wieder heraus. Einmal schiebt er das Scheitern auf die unverhältnismäßig schwer gestellte Aufgabe und dabei schafft er es noch sich daraus ein Kompliment zu basteln: Wenn der Gegner so eine schwere Aufgabe auswählt, was muss er für eine Angst vor mir haben. Und zum Zweiten rückt er seinen inneren Maßstab zurecht: Wenn ich bei einem Dreisterne-Koch, 5 von 10 Punkten beim Nachkochen erhalte, habe ich 1,5 Sterne (anfangs wollte er natürlich wieder 10/10 erreichen).

Also …. auf dass die Motivation erhalten bleibt!

Enabling

Besonders englische Psychologie-Begriffe bleiben mir, wenn ich sie lese, oft in Erinnerung, weil sie bestimmte Sachverhalte einfach viel klarer zu beschreiben scheinen, als ich es aus dem Deutschen kenne. Enabling (Unterstützung, to enable: unterstützen, befähigen) ist einer dieser Begriffe. Für mich ist das ein Wort geworden, das ich auch in meinem Alltag anwenden kann, in dem die Probleme sich in der Regel nicht um Süchte und Abhängigkeiten drehen.

Klassischer Weise wird er in der Psychologie als negatives Wort verwendet, um ein Verhalten von Angehörigen substanzenabhängiger Personen zu beschreiben, mit dem sie die Sucht dieser Person direkt oder indirekt unterstützen. Zum Beispiel gibt die Mutter ihrem drogenabhängigen Sohn Geld, damit er sich Drogen kaufen kann (gibt seinem Betteln danach nach), spricht das Problem nicht mehr an (weil sie die folgenden Konflikte scheut), wäscht seine Wäsche, kocht ihm sein Essen, meldet ihn auf der Arbeit krank, obwohl er wegen der Drogen nicht gehen kann, ignoriert es, wenn er nach Versprechungen aufzuhören wieder rückfällig wird und versucht das Image einer intakten Familie nach außen aufrecht zu halten. Oft geschieht das aus einem schlechten Gewissen heraus. Die Mutter kann sich zum Beispiel schuldig an der Sucht ihres Sohnes fühlen, weil sie viel arbeiten musste und sich so zu wenig um ihr Kind kümmern konnte oder weil sie vielleicht selbst ein Alkoholproblem hat etc.. Leider unterstützt sie mit allem, was sie tut und was sie gut meint, die Sucht ihres Sohnes und hilft ihm in Wahrheit damit überhaupt nicht, schadet ihm eher noch. Etwas tough love wäre hier gefragt. Sie müsste ihr schlechtes Gewissen überwinden, klare Ansagen machen und den Sohn die Konsequenzen seines Verhaltens selbst tragen lassen (und natürlich Hilfe in Form einer professionellen Entzugseinrichtung dazuziehen, wenn es sich um harte Drogen handelt).

Ganz leicht kann man den Begriff dann auch auf Erziehung anwenden (kann auch sein, dass er dort eh schon angewendet wird, das weiß ich nicht):Es gibt Eltern, die unterstützen in guter Absicht aber mit schlimmen Folgen ihr Kind in einem Verhalten, das viel Leid für das Kind und für andere bringen wird.  Eltern, die jeden Wunsch des Kindes erfüllen, zu allem ja sagen, unterstützen ihr Kind in einem Verhalten, das spätestens dann unerträglich wird (Kinder können bekanntlich sehr penetrant und durchhaltend um etwas betteln), wenn die Wünsche zu groß werden und das Kind nicht gelernt hat, mit dem Frust eines NEINs umzugehen, und mit dem sich das Kind nur schwer oder unter vielen Konflikten in eine Gruppe integrieren wird. Eltern, die ihr Kind gegen alles und jeden verteidigen und die Schuld immer von ihm wegschieben, unterstützen ein Verhalten, mit dem es ebenfalls eher früher als später mit Freunden, Lehrern oder noch später im Beruf große Probleme bekommen wird. Es wird nie gelernt haben, sich einen Fehler einzugestehen, sich zu entschuldigen, Verantwortung für das eigene Tun zu tragen, selbst wenn er oder sie sich vielleicht sogar schuldig fühlt. Auch hier wieder meinen Eltern, ihren Kindern etwas Gutes zu tun. Zum Erziehen gehört aber eben auch, langfristig zu denken und es zu akzeptieren, wenn das Kind einen für einen Moment mal „hasst“. Später wird es den Eltern dafür dankbar sein.

 

 

Irgendwie hat mich der Begriff dann noch weiter inspiriert und ich habe mir überlegt, dass man eigentlich auch mit einer Situation, in der man seine eigenen Bedürfnisse äußern will, aber es entweder schwer für einen selbst ist oder aber man weiß oder befürchtet, dass der andere unzufrieden darauf reagieren könnte, besser umgehen kann, wenn man sie so betrachtet, dass man sich selbst darum bemühen sollte, den anderen nicht zu einem schlechten Verhalten zu „enabeln“, dieses schlechte Verhalten also zu unterstützen. Schlecht wäre also, wenn der andere respektlos reagiert oder das Bedürfnis einfach nicht ernst nimmt oder sich distanziert. Um dem ganzen mal einen Kontext zu geben: Auch hier wieder geht es in erster Linie (aber nicht nur, lässt sich auch in der Arbeit anwenden) um meine Bedürfnisse gegenüber einem Partner, den man als beziehungsscheu bis hin zu einzelgängerisch bezeichnen kann. In so einer Konstellation ist es wie ein Seiltanz, seine eigenen Bedürfnisse unterzubringen, denn ich bin traurig, wenn ich ihn zu selten sehe, zu selten Nachrichten bekomme, manchmal einfach nicht weiß, was mit ihm los ist (gerade wenn es ihm schlecht geht, zieht er sich erst einmal zurück), aber umgekehrt ist er gerade deshalb beziehungsscheu, weil er den Druck nicht aushält, dem man ihm mit zu vielen Forderungen machen würde. Und nicht nur mit zu vielen. Er hat ganz feine Antennen für meine Stimmung, wenn ich ihn um etwas bitte. Er weiß ganz genau, wann ich sehr enttäuscht bin und wann sauer, auch wenn ich versuche, es zu verstecken. Und genau das erträgt er auch nur schwer. Ist ja auch irgendwie immer ein Vorwurf  der Art „mir geht es wegen dir schlecht“. Dagegen bleibt alles gut, wenn ich ihn in einer stabilen Stimmung um etwas bitte. Und er wird sich dann auch immer darum bemühen und den Wunsch zumindest respektieren. Man könnte also sagen, ich unterstütze sein schlechtes Verhalten, wenn ich ihm meine Bedürfnisse mit einer säuerlichen und enttäuschten Stimmung mitteile. Das heißt nicht, dass er dann negativ reagieren muss, aber es ist eben wahrscheinlicher, es wird sozusagen leichter für ihn, schlecht zu reagieren. Also habe ich es in der Hand. Ich werde erst versuchen, meine Stimmung wieder hochzukitzeln und dann mit ihm reden. Die Erkenntnis ist also erst einmal keine Weltneuheit: Verhandeln lässt es sich immer besser cool als wutentbrannt, aber die Perspektive verschiebt sich etwas. Ich konzentriere mich nicht auf das, was ich nicht in der Hand habe (z.B. inwiefern kann er mehr Nähe zulassen), sondern auf das, worüber ich Macht habe: Wie kann ich ihm die besten Bedingungen schaffen, dass er mir gut und gerne zuhört. Ich nehme mir also vor, nicht sein schlechtes Verhalten zu unterstützen sondern sein gutes, was mich von Enttäuschung dahin bringt, dass ich mich erst einmal frage, was ich jetzt für mich tun kann, damit ich wieder besser drauf komme, um dann ihn mit mehr Schwung und Positivität um etwas zu bitten.

Letztendlich kann man sich in ganz vielen Situationen im Alltag immer wieder mal fragen:

 

Welches Verhalten (mir und anderen gegenüber) unterstütze ich, wenn ich zu allem ja sage?

Welches Verhalten unterstütze ich, wenn ich immer alles für jemanden erledige?

Welches Verhalten unterstütze ich, wenn ich meine Bedürfnisse immer zurückstecke?

 

Meine Eltern haben zum Beispiel auch den Fehler gemacht, dass sie Enabler waren. Sie haben meinen sozialen Rückzug in meiner Kindheit unterstützt. Zwar haben sie ein- oder zweimal nachgefragt, ob irgendwas wäre, ob es mir nicht gut ginge (ich habe mich geschämt und habe gesagt „Nein, passt schon alles“), aber damit war das dann auch erledigt. Dass es mir jahrelang schlecht ging, war wohl nicht zu übersehen, wurde dann aber irgendwann ignoriert, wurde normal. Sie hätten mir das nicht durchgehen lassen sollen, hätten sich nicht so leicht abspeisen lassen sollen. Alles immer leichter gesagt und geschrieben als getan.

 

 

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