Macht

Die Gier nach Macht, die bei so manchem Politiker oder Manager negativ beurteilt wird, begegnet einem auf einem anderen Niveau ständig im Alltag und das wiederum hilft, die gigantischen Auswüchse, die die Macht annehmen kann, etwas besser zu verstehen und es kann vor allem auch dabei helfen, einen neuen Blick auf das Glück zu finden.

Eigentlich kann man fast sämtliche gute, angenehme Gefühle darauf herunterbrechen, dass sie entstehen, wenn man einen Beweis der eigenen Macht realisiert.

 

1 . Humor und Macht

Humor ist eine Möglichkeit, die eigene Macht zu stärken. Besonders auffällig ist das in Situationen, in denen Witze gegen einen mächtigen Menschen gemacht werden, wie es zum Beispiel Böhmermann mit seinem Erdogan-Gedicht (+ Kontext) machte, mit dem er sich über Erdogans völlig überzogene Reaktionen auf alles, was in seinen Augen als  Majestätsbeleidigung zu interpretieren sei, lustig machte. Böhmermann kletterte sozusagen auf den Grenzen der Gesetze herum und zeigte Erdogan, dass es doch noch einen Menschen gibt, der ihm ans Bein pinkeln kann ohne dass er etwas dagegen tun könnte. Böhmermann sägte in der Öffentlichkeit ein Stuhlbein von Erdogans Machtposition an und gewann dabei so an Macht, wie er die von Erdogan benagte. Und alle, die das auch lustig fanden, freuten sich über den unvermuteten Weg, diesem Despoten einen Beweis seiner Ohnmacht – oder einen Gegenbeweis seiner wohl gefühlten Allmacht – zu liefern. Das funktioniert natürlich auch im Kleineren: Mein Vater ist ein sehr eigensinniger und teilweise auch knauseriger Mensch. Als ich Kind war, mussten wir einmal zu fünft und mit Gepäck irgendwo mit dem Auto hinfahren. Wir hatten einen VW-Bus und einen Fiat Panda. Der Vater beschloss, dass der Panda völlig zweckmäßig sei und so quetschten wir uns (nicht nur Familie, mit der man ja fast alles machen kann, sondern auch Bekannte) in das kleine Auto, die Koffer irgendwie über den Knien und die Backe an der Scheibe. Meine Backe war an der Scheibe, durch die ich unseren nebenan geparkten grünen VW-Bus sehen konnte und so konnte ich mich zwar als Kind der Vaterentscheidung nicht entgegenstellen, aber ich konnte Ketzerei betreiben und so dem Vater eine kleine Reiszwecke auf seinen Thron legen. Ich sagte hörbar für alle, : „Ach, wenn wir doch jetzt einen VW-Bus hätten!“ Humor gibt einem selbst dann noch Macht zurück, wenn der Gegner das Schicksal ist. Wenn ein Raul Krauthausen zum Beispiel den Witz raushaut „Was ist ein Rollstuhlfahrer für einen Kannibalen? – Essen auf Rädern.“ Heißt soviel wie: Schicksal, du kannst mir zwar die Glasknochenkrankheit geben, mir aber nicht meine gute Laune nehmen. Die bleibt in meiner Macht.

 

2 . Erlerntes und Macht

Was, man sich auch immer antrainiert hat, Klavierspielen, Zeichnen, Kraftsport, Beherrschung eines Computerspiels oder Gymnastikmoves, erlernte Techniken können etwas rauschhaftes haben, denn gelungenes Training zeigt einem den eigenen Machtzuwachs: Jetzt kann ich den türkischen Tanz fehlerfrei spielen, jetzt hebe ich die XXX-Kilos, jetzt zeichne ich einen Menschen schon besser als noch vor einem Jahr. Für mich sind diese Gebiete, auf denen man sich trainieren kann,  die besten Zufluchtsorte in schweren Zeiten. Dort kann ich mir ein Gefühl der Kontrolle zurückholen, das ich draußen im Leben leicht verliere.

 

3 . Analysen, Bewertungen, Entscheidungen, Pläne, Erfolg und Macht

Unsichere Menschen trauen sich kaum daran, eine Situation zu analysieren und wenn sie es tun, trauen sie oft ihren Analysen nicht. Das setzt sich dann fort: Wer nicht analysiert, bewertet nur sehr grob, wer schlecht bewertet, kann schwer entscheiden und keine verlässlichen Pläne erstellen. Entscheidungsstarke Menschen dagegen wirken der Situation gewachsen – übrigens wirken sie oft so ganz unabhängig von der Qualität ihres Plans. Unsichere Menschen könnten bisweilen die besseren Pläne erstellen, aber wirken trotzdem überfordert, weil sie sich selbst nicht trauen. Dazu unten noch mehr. In jedem Fall, geben einem Erfolge ein Gefühl der Zufriedenheit und regelmäßige, bewusst erlebte, Erfolge bauen langfristig das Selbstvertrauen auf. Das Vertrauen also, das man zu sich selbst hat, eine Schwierigkeit oder Aufgabe lösen zu können, ihr gewachsen zu sein, also über ihr zu stehen, Macht über sie zu haben.

 

4 . Auswüchse der Macht

Alles was angenehm ist, kann im Übermaß rauschhaft werden und die Angst vor dem Gegenteil kann ebenfalls extrem werden. Heißt bei Macht: Das Gefühl der Macht und Kontrolle kann wie eine Droge wirken und wohl ebenso abhängig machen. Das ist der Fall zum Beispiel bei Sport- oder Magersucht. Der Kontroll- und damit Machtverlust kann andersherum extreme Angst auslösen. Es gibt Menschen, die ertragen zum Beispiel keine noch so leichte Unordnung im Haus. Sie reagieren körperlich gestresst. Andere wollen die Meinung der anderen über einen selbst ständig unter Kontrolle haben und reagieren aggressiv und gereizt auf Angriffe gegen die eigene Person. Und dann gibt es noch Menschen, die sich daran berauschen, andere völlig abhängig von sich zu machen. Eine mir immer noch etwas rätselhafte Sache. Ist das eine Gegenreaktion auf eine vorangegangene eigene Erniedrigung? Oder ist man einfach so drauf? Jedenfalls scheint im Sadismus auch ein Machtrausch eine Rolle zu spielen und die Macht kommt zustande durch die Erniedrigung eines anderen.

 

5 . Macht bei Nietzsche und den Nazis

Ich muss während ich das schreibe, ständig an den Nietzsche Titel „Der Wille zur Macht“ denken. Wenn ich ihn gelesen habe, dann ist das ewig her und ich kann mich kaum noch daran erinnern und ich glaube seine Interpretation ist auch umstritten. Nietzsche wird jedenfalls auch oft in Nazinähe gerückt, wo der Wille zur Macht als eine Art natürliche Urkraft im Menschen gesehen wird, die über alle Moral hinweg legitimiert, im Kampf andere zu unterwerfen und sich den Platz als „Übervolk“ zu sichern, was ich für eine äußerst bescheuerte Sicht auf das Thema Macht halte. Das Gefühl der Macht ist für mich erst einmal ein positives Gefühl, das dem Bewusstsein signalisiert: Wir haben es wieder geschafft, etwas zu finden, was das Überleben sichert. Wenn man meint, andere Menschen oder Völker wären eine ständige Bedrohung für das eigene Überleben, und deshalb müsste man sie unterwerfen und besiegen, dann ist das  – am nettesten ausgedrückt – paranoid und vielleicht auch sadistisch (vielleicht, weil ich Sadismus noch nicht so richtig verstanden habe). Trotzdem spielt natürlich Macht bei allem, was so zwischenmenschlich abläuft, eine riesige Rolle.

 

6. Relative Macht

Warum gibt es Menschen mit riesigem Selbstvertrauen, die aber schon viel mehr Misserfolge eingefahren haben als man selbst mit seiner ewigen Unsicherheit? Weil das Selbstvertrauen nicht aus dem Verhältnis zwischen der absoluten Anzahl der Erfolge und der Misserfolge entsteht, sondern daraus, was im Bewusstsein mehr nachwirkt. Konzentriert man sich mehr auf seine Erfolge, hebt das das Selbstvertrauen. Verzeiht man sich schnell seine Misserfolge oder interpretiert sie als Misserfolge, die durch Fehler anderer entstanden sind oder durch unglückliche Umstände, hebt das das Selbstvertrauen. Und Menschen mit größerem Selbstvertrauen wirken nach außen oft „mächtiger“, egal wie viele Erfolge oder Misserfolge sie zu verbuchen haben. Das funktioniert aber auch andersherum: Menschen, die unter großen Schuldgefühlen leiden, machen oft den Fehler, dass sie sich für etwas verantwortlich fühlen, für das sie nicht verantwortlich sind. Alle Misserfolge scheinen durch das eigene Scheitern verursacht zu sein, obwohl es wohl Menschen in der Umgebung gibt, denen der Vorwurf zu gelten hätte. Sophie Peters sagt in diesem Fall immer, diese Menschen hielten sich für „allmächtig“, denn sie glauben ja, dass sie alleine sämtliche Probleme lösen können müssten. Natürlich fühlen sie aber das Gegenteil, die absolute Ohnmacht.

 

In Phasen großer Traurigkeit, Wut und Ohnmacht könnte man sich also einmal fragen „Wie werde ich mächtiger?“ anstelle von „Wie werde ich glücklicher?“. Vielleicht muss man die Verantwortung für einen Misserfolg abgeben oder zumindest aussetzen und sich auf ein Gebiet konzentrieren, das man beherrscht, auf dem man etwas bewirken kann. Vielleicht kann man sich auch mit Freunden oder Leidensgenossen über die eigene Situation lustig machen.

Advertisements

Über Vorwürfe

Der Urlaub war schön und bevor ich mit der folgenden Geschichte einen etwas verzerrten Eindruck von meinem Beziehungsleben vermittle: Die Woche mit meinem Freund war harmonisch wie die Zeit, die wir gemeinsam verbringen, meistens harmonisch ist. Bis auf den Tag der Abreise. Wir hatten ein kleines Häuschen am Meer gemietet, das wir früh morgens, bevor wir zum Bahnhof aufbrachen, wieder halbwegs aufräumen und außerdem unsere Sachen fertig packen mussten. Wir packten also und räumten auf und als ich im Badezimmer angekommen war, putzte ich mir noch die Zähne, bevor ich meine Zahnbürste dann wegpacken wollte. Völlig unerwartet fuhr er mich in diesem Moment an, er würde gerade alles machen und ich sollte doch auch mithelfen, in zehn Minuten müssten wir los etc.. Es war ein Vorwurf völlig neben der Realität und in einem sehr unangenehmen Ton, was er zum Glück keine fünf Minuten später auch bemerkt und dann wohl selbst mehr unter seinem peinlichen Vorwurf gelitten hat als ich in diesem Moment. Für mich war es zu früh und außerdem war ich auch zu überrumpelt, um das ganze richtig einordnen zu können. Ich habe nur sehr angepisst gefragt, was ich denn noch tun sollte, wo wir jetzt doch schon mit allem fertig wären (was wir auch waren und außerdem nachher 50 Minuten zu früh am Bahnhof) und habe dann im Auto nur einsilbige, deutlich beleidigte Antworten auf seine Kommunikationsversuche, die wohl auch als Versöhnungsversuche zu verstehen waren, gegeben. Ich war dann noch eine Weile beleidigt und sauer, bis mir aufgefallen ist, dass der Vorfall sehr viel aussagt über meine Art mit Vorwürfen umzugehen (nebenbei bemerkt, sagt er auch sehr viel über die Psyche meines Freundes aus, aber die möchte ich hier nicht unbedingt sezieren). Ab diesem Moment war ich fast dankbar für den Vorfall.

Bei Vorwürfen, die ich für ungerechtfertigt halte, reagiere ich sauer und wenn ich etwas sage, dann hat das oft etwas von hilfloser Verteidigung. Ich fühle mich sehr verletzt und beginne mein Verhalten zu rechtfertigen. Wenn ich darüber nachdenke, ist das sehr kindlich, selten sinnvoll und noch dazu mache ich mich damit klein vor dem anderen, nicht völlig klein, aber kleiner als es sein sollte. Dazu aber später.

Dem folgt dann die Phase des Beleidigt-Seins. Und die kann bei mir lange dauern, mitunter sogar zum völligen Kontaktabbruch führen „Leck mich, wenn du so mit mir umgehst, kannst du mir gestohlen bleiben! Ich komme auch ohne dich gut klar!“ Das ziehe ich dann auch sehr konsequent durch, wenn ich will.

Gut ist das, weil ich mit dem Verhalten, niemals in eine dieser perversen Beziehungen geraten könnte, in der man zum Objekt seines Partners wird, der einen durch Demütigung und Vorwürfe so zerstört, dass man noch nicht einmal mehr die Kraft zum Weglaufen hat. Und diese Beziehungen gibt es und oft geraten unsichere, ängstliche Frauen – was zumindest teilweise auch auf mich zutrifft – dort hinein.

Aber ausbaufähig ist das Verhalten allemal, denn ich kann nicht alle Menschen, die mir einmal einen ungerechtfertigten Vorwurf gemacht haben aus meinem Leben schmeißen und außerdem kann man stärker mit Vorwürfen umgehen. Vorwürfe von dieser Kategorie (völlig daneben in Inhalt und Form) dürften mich noch nicht einmal so tief verletzen, wie es mir in diesem Fall passiert ist. Genauso unangebracht, wie der Vorwurf war, war es auch von mir, mein Verhalten rechtfertigen zu wollen. In diesem Fall hätte ich ihn mit seinem Verhalten konfrontieren müssen! Nicht „aber ICH habe doch…“, sondern ein ruhiges, sicheres „Ehrlich gesagt, kann ich gerade überhaupt nicht verstehen, warum DU gerade so wütend bist. Wenn du das Gefühl hast, dass du dich überarbeitest, dann kannst mich auch einfach bitten, dies oder das noch zu erledigen.“ oder einfach ein „Was ist denn mit DIR los?“. Sich in dieser Situation selbst zu rechtfertigen heißt ja, dem Vorwurf zumindest eine theoretische Berechtigung zu geben. „Lass uns doch mal sehen, ob das, was du sagst stimmt oder nicht“. Dabei war schon die Art völlig daneben und vom Inhalt ganz zu schweigen.

Ich weiß allerdings auch, warum ich den Reflex habe, ängstlich, unsicher, verletzt und eben nicht souverän zu reagieren: Ich kenne diese Vorwürfe von meinem Vater und der war mir körperlich überlegen. Vorwürfe waren damit immer großer Stress für mich, denn mich zu entschuldigen oder klein beizugeben, sah ich überhaupt nicht ein. Meistens lief es auf wegrennen, verstecken und dann wochen- oder monatelanges beleidigtes Schweigen ihm gegenüber hinaus.

Was man noch aus der Geschichte lernen kann: Vorsichtig mit Vorwürfen umgehen! Man kann damit mehr verlieren als gewinnen. Mein Freund wird sich wohl noch einige Zeit dafür schämen…  Oft genügt es auch klar und wohlwollend das zu formulieren, was man erwartet und man muss auch nicht ständig davon ausgehen, dass das, was man selbst gerne möchte, gegen den anderen geschehen müsste. In den meisten Fällen tut es beiden Seiten gut und der andere hatte es nur einfach nicht auf dem Schirm oder weiß nicht, wie er es tun kann etc. .

Als nächstes dann über „Geistervorwürfe“, die einem keiner tatsächlich macht, von denen man aber meint, dass sie einem gemacht werden und über Vorwürfe, die tatsächlich eine Schwäche in einem treffen.

Nähe und Distanz in Beziehungen: Wie funktioniert Abgrenzung vom anderen?

Dass ich ein Nähe-Distanz-Problem habe, ist mir schon relativ lange klar. Alle Ratschläge, die ich für das Problem gefunden habe, klangen für mich allerdings immer merkwürdig leer und nichts sagend. Darunter der, sich besser abzugrenzen. Der war genauso hilfreich wie „Sei halt nicht so empfindlich!“. Im Prinzip richtig, aber wie macht man das?

Gerade bin ich im Urlaub und damit rund um die Uhr zusammen mit meinem Freund, das heißt, beste Beobachtungsbedingungen für die Abgrenzung. Eine Situation ist zum Beispiel diese hier: Er schaut im Urlaub mitunter auch mal drei, vier Filme am Tag. Das ist seine Art, sich zu entspannen und zu erholen. Meine ist vor allem Bewegung und dann lesen und nachdenken über all die Sachen, die mich beschäftigen – Ordnung ins Chaos bringen. Ich weiß, dass er es natürlich besonders schön findet, wenn ich die Filme mit ihm ansehe, wogegen ich auch nichts habe, solange es in etwa ein Film pro Tag ist. Gestern sahen wir also am Nachmittag gemeinsam einen Film an, der allerdings recht mittelmäßig war. Abends lief dann anscheinend ein besonders guter, den ich aber nicht mit schauen wollte, da ich meinem Lesekram nachgehen wollte. Bedürfnis gegen Bedürfnis also. Würde ich nicht aktiv aufpassen, dass es nicht passiert, würde ich mit einem schlechten Gewissen reagieren. Ich würde anfangen zu lesen oder zu schreiben, aber ständig im Hinterkopf haben, dass ihm das gerade nicht passt (Was übrigens auch nicht immer der Fall ist. Manchmal denke ich auch nur, dass es ihm nicht passt, aber für ihn ist es völlig ok). Ich hätte also ein schlechtes Gewissen, was zur Folge hat, dass ich mich erstens nicht wirklich auf das Lesen oder Schreiben konzentrieren könnte und dass ich das Gefühl hätte, es wieder gut machen zu müssen, ihm etwas Gutes tun zu müssen, besonders nett sein zu müssen. Das wiederum nimmt er natürlich wahr und mein schlechtes Gewissen bestätigt ihn in seinem Vorwurf, dass, das, was ich tue, nicht wirklich in Ordnung ist. Das wiederum würde mein schlechtes Gewissen verstärken und wahrscheinlich dazu führen, dass ich mir irgendwann sage: „Hat eh keinen Sinn, kann mich eh nicht konzentrieren, dann schaue ich eben den Film mit ihm.“ Vielleicht sage ich mir dann noch (unbewusst) „Immerhin, wenn ich jetzt mein Bedürfnis zurückstelle, dann heißt das, dass ich besonders nett bin und er wird mich noch mehr lieben.“ Und bums: Man verschmilzt mit dem anderen – Assimilation. Man übergeht das, was einem, wenn man alleine wäre, sehr wichtig wäre. Ich will nicht schreiben, man übergeht seine eigenen Gefühle, weil das schlechte Gewissen ja auch eines ist. Das respektiert man dann immerhin, das schlechte Gewissen, aber ein Bedürfnis geht unter, das sehr stark in einem wohnt. Man stellt es hinter das Bedürfnis des anderen.

Ich möchte jetzt natürlich nicht schreiben, dass man in einer Beziehung immer alle seine Bedürfnisse durchkämpfen muss. Bei manchen Bedürfnissen macht man ja auch gerne Kompromisse und man lernt ja auch gerne die Lebenswelt des anderen kennen. Man muss sich für sich selbst nur eben klar darüber werden, welche eigenen Bedürfnisse gerade so wichtig sind, dass sie nicht zur Diskussion stehen. Und das tut der Beziehung gut, denn:

• würde ich mir nicht die Zeit, die ich für mich brauche, nehmen, wäre ich nicht nur unzufrieden, sondern ich funktioniere sogar irgendwann nicht mehr richtig. Das Chaos im Kopf nimmt Überhand und ich habe das Gefühl innerlich zu zerfleddern.

• wer ein wichtiges Bedürfnis übergeht, neigt auch dazu, dem anderen das seine nicht zu gönnen. Man wird leichter sauer („Ich habe für dich auf so viel verzichtet und du tust aber das gleiche nicht für mich!“)

• ich finde, jemanden lieben, heißt auch immer etwas jemanden bewundern und ich persönlich finde Menschen sehr bewundernswert, die ihre Bedürfnisse respektieren und sie ebenso respektvoll wie standhaft dem Partner oder wem auch immer kommunizieren. Jemand, der zu allem ja und Amen sagt, wird meiner Meinung nach zumindest für diese Charaktereigenschaft wenig Bewunderung ernten.

Das ist dann auch der Kern der Abgrenzung. Abgrenzung ist nämlich nicht gut gelungen, wenn ich jetzt trotzig neben ihm mein Buch lese „Ich weiß, dass du das jetzt nicht gut findest, aber das ist mir Wurscht, sei doch sauer, ich mache das jetzt trotzdem!“ auch nicht, wenn ich es die ganze Zeit mit einem schlechten Gewissen tue und anschließend das Gefühl habe, etwas wieder gut machen zu müssen. Abgrenzung ist dann gelungen, wenn ich meine Sache innerlich so überzeugt mache (oder kommuniziere), dass der andere merkt, wie wichtig mir es ist und dass es nicht zur Diskussion steht, wenn ich das, was ich machen will, voll und ohne den Schatten eines schlechten Gewissens genießen kann und wenn meine Haltung dem anderen gegenüber währenddessen und danach so wohlwollend bleibt, wie es in einer guten Beziehung wünschenswert ist.

„Stop fighting – Fall in love with the process of healing.“

Das trifft den Nagel noch viel mehr auf den Kopf als Formulierungen wie „annehmen“ oder „akzeptieren“. Dass man nur noch viel mehr kaputt macht, wenn man gegen psychische Probleme und Krankheiten ankämpft, ist ja recht bekannt, aber dieses „Annehmen“ habe ich bisher auch eher halbherzig betrieben. Etwa ganz anderes hat es in mir ausgelöst, als ich dann auf eine junge Frau gestoßen bin, die es eben so ausdrückte: „Du musst dich in den Heilungsprozess verlieben.“ Annehmen heißt ja immer noch, dass da ein Misthaufen ist, den man da nicht haben will, aber eben auch nicht los bekommt und man so mehr oder weniger gezwungen versucht, mit ihm zurecht zu kommen. Wenn ich mich aber in den Heilungsprozess verliebe, dann liegt mein Fokus nicht auf diesem Misthaufen, sondern auf all meinen Methoden, mich so zu stärken, dass der Misthaufen zur Nebensache wird und er schließlich vergessen, geheilt, von Blumen überwachsen wird. Mein Fokus liegt also auf etwas Schönem, in das man sich auch wirklich verlieben kann und da liegt er verdammt richtig! Das Verlieben bringt endlich die nötige Energie und das Durchhaltevermögen, die innere Stärke und Überzeugung und das Verlieben tilgt die Scham. Man kann stolz sein auf seine Methoden und seinen Weg und braucht sich nicht für den Misthaufen zu schämen. Natürlich braucht man zumindest im Ansatz einen kleinen Werkzeugkoffer an Methoden, eine Idee, wie man sich selbst stärken kann, aber einmal verliebt, wird man seine Methoden schnell weiterentwickeln können. Rückschläge gehören übrigens zum Heilungsprozess dazu.

Mit der Technik der Hochleistungssportler die eigene Unsicherheit überwinden

Wann schaffen Hochleistungssportler es, ihre Ziele zu erreichen? Wenn sie körperlich optimal trainiert sind und unter Druck psychisch so stabil sind, dass sie die Leistung auch optimal abrufen können. Der zweite Punkt ist immer wieder ein Problem von mir – nicht im Sport, im Alltag. Und Druck ist für mich in diesem Fall kein Stadion voller Leute und keine Fernsehübertragung, sondern unter Umständen eben eine ganz normale soziale Interaktion im Alltag. Besonders, wenn ich wieder einmal in dieser komischen Stimmung bin. Es ist keine klassische Dissoziation, aber ähnelt dem etwas. Es ist oft eine Stimmung, mit der ich morgens aufwache, nach Albträumen, an die ich mich noch gut erinnern kann. Oft waren die vorherigen Tage psychisch anstrengend für mich. Das sind dann die besonders schweren Tage. Ich habe das Gefühl, gar nicht erst richtig aufzuwachen, alles was ich denke, ist wie hinter dichtem Nebel, ich kann nicht fühlen, was ich denke, habe einen riesigen Drang nach Rückzug, bin weinerlich und sehr wenig kommunikativ. Kurz: Das Gegenteil von selbst-bewusst. Oft wird es dann gegen 17 Uhr am Nachmittag besser – bisschen spät. Mal sehen, ob man sich von den mentalen Techniken der Hochleistungssportler etwas abschauen kann. Ich habe im Internet etwas recherchiert.

 

Mentale Stärke

Allein die Definition von mentaler Stärke, die ich gefunden habe, war irgendwie schon hilfreich und motivierend, weil man weiß, dass Leute, die Herausforderungen so gegenüberstehen, extrem erfolgreich daraus hervorgehen und weil es gut tut, auch von außen noch einmal zu hören, dass der Stress, den man sich macht, ein großes Hinderniss auf dem Weg zu seinem Ziel ist und nur sinnlos Energie verbraucht.

• Unter Druck physisch entspannt und mental locker bleiben

• Konzentration nur auf das wichtigste, alle Ablenkungen ausblenden können

• Nach Fehlern schnell wieder in seine Bahn finden

• Einschüchterungen und Versuche anderer, einen fertig zu machen, meiden

• Physische und emotionale Extremsituationen (Schmerz, Unangenehmes) meistern

• Effektiv negatives Denken und Selbstzweifel, die kurz vor Beginn (des Spiels, des Rennens etc…) auftreten, bewältigen

• Die Kontrolle über seine Emotionen behalten

• An sich selbst glauben, egal was passiert

• Intrinsisch motiviert sein (aus sich selbst heraus), ich würde noch hinzufügen: Spaß an der Sache haben

• Ans Gewinnen glauben

 

Techniken um entspannt zu bleiben

Grundsätzlich geht es darum, das richtige Maß an Aufregung zu erreichen. Wer gar nicht aufgeregt ist, ist nicht leistungswillig. In der Regel ist man aber zu aufgeregt und muss sich herunter regeln.

• Die Konzentration weg halten von allen nicht direkt kontrollierbaren Faktoren: Der eigene Erfolg oder Misserfolg, wie viele Punkte man erzielen möchte, Sorgen, dass man scheitern könnte, Größe, Kraft, Schnelligkeit, Talent, Ruf, Einstellung des Gegners, eigene Fehler, die man einmal gemacht hat, was letztes Jahr bei demselben Wettkampf geschah, der amtierende Titelhalter, wie wichtig der Wettkampf ist, die Zuschauer, die Erwartungen anderer an einen, was sie über einen sagen oder denken, Kommentare und Verhalten der Trainer, die Bedingungen des Wettkampfs wie Wetter, Spielfeldboden, eigene physische Bedingungen wie Verletzungen, Müdigkeit, Gesundheit, wie gut die Teamkollegen sind, Glück und Unglück, persönliche Ereignisse außerhalb des Sportlebens

Das ist ein Punkt, der spricht mich sehr an. Ich muss nur einige Sportbegriffe durch die meiner Alltags- und Berufswelt ersetzen. Wenn man seine Ziele erreichen will, kann man eben nicht an das letzte Scheitern denken und auch nicht an das, was andere über einen sagen oder denken könnten, wie sie auf ein Scheitern reagieren würden … all das ist Gift für einen.

• Sich ablenken: Buch lesen, Musik hören, mit jemand lustigen sprechen

• Für sich eine Vorwettkampf-Routine erarbeiten: Dehnen, bekannte Bewegungsabläufe durchgehen etc.

• Dehnübungen machen und sich nur darauf konzentrieren

• Langsam und tief atmen

• Angespannte Muskeln gezielt anspannen und dann lösen

• Nicht gegen die Nervosität kämpfen, sondern mit ihr. Sie annehmen.

• Schon im Alltag einüben, innerlich einen „sicheren Ort“ aufzusuchen, ihn sich also vorzustellen. Diesen sicheren Ort kann man sich dann vor Wettkämpfen wieder ins Bewusstsein rufen, dort sozusagen vorher spazieren gehen.

Alle diese Punkte sind recht schwer für mich, denn es kann passieren, wenn die Angst sehr stark ist und man die Techniken noch nicht gut beherrscht, dass dann die Angst diese Techniken dominiert und nicht anders herum. Das heißt, dass irgendwann das bewusste ruhige Atmen angstauslösend ist, weil es wiederum mit einer angstauslösenden Situation verknüpft ist. Wenn man die Techniken aber gut beherrscht passiert das nicht. Man darf sich einfach nicht erlauben, an etwas anderes zu denken, beziehungsweise, muss sich immer wieder bewusst zurück auf die jeweilige Aktion fokussieren, wenn die Gedanken ausreißen. Gut funktioniert auch, sich fünf Dinge zu suchen, die man sehen kann und sie genau zu betrachten, dann vier, die man anfassen kann, und sie genau befühlen, drei Dinge, die man hören kann, zwei, die man riechen kann und eines, das man schmecken kann. Das bringt alle Sinne wieder in die Gegenwart.

 

Konzentration trainieren

Wenn man sich innerlich klar dafür entschieden hat (und auch das Unterbewusstsein davon überzeugt hat), dass man in der sonst angstauslösenden Situation ruhig bleiben will, fehlt eigentlich nur noch eine Fähigkeit: Die, seinen Fokus unter Kontrolle zu haben. Fokus ist vielleicht hier fast besser als das Wort Konzentration. Eine Ratgeber für Hochleistungssportler schlägt vor, sich die Konzentration oder den Fokus wie einen Bühnenscheinwerfer in einem dunklen Raum vorzustellen. Das passt ganz gut, finde ich. Das, was erhellt wird, ist einem bewusst, der Rest bleibt dunkel und damit ausgeblendet. Der Fokus muss nun zeitlich in der Gegenwart gehalten werden (wie oben: nicht an frühere Fehler denken oder an die Folgen eines Sieges oder Misserfolges) und örtlich bei sich selbst (und eben nicht bei den Gedanken der anderen über einen etc.) und ich füge hier wieder hinzu: Der Fokus muss bei einem selbst und dem eigenen Spaß an der Sache liegen. Das Fokus-Training ist nun etwas wie fangen spielen. Erst einmal muss man sich antrainieren, es zu bemerken, wenn der Fokus heimlich sein Licht auf etwas anderes wirft und dann muss man ihn immer wieder einfangen und dorthin richten, wo man ihn haben will. Als „Trockentraining“ wird empfohlen einen Gegenstand auf den Fernseher zu legen und sich nur auf den und auf die eigene Atmung zu konzentrieren – auch wenn der Fernseher läuft (den Schwierigkeitsgrad kann man z.B. mit der Lautstärke noch verändern).

Die Idee, die Konzentration zu trainieren gefällt mir sehr gut. Es könnte helfen, den Angstteufelskreis zu durchbrechen. Die Angst bewirkt ja gerade, dass der Fokus auf die Zukunft, die anderen oder die Vergangenheit abrutscht und die Gedanken daran erzeugen wieder Angst und so weiter. Dass sich die Konzentration trainieren lässt, haben Untersuchungen mit meditierenden Mönchen gezeigt. Deren gemessen Hirnströme haben sich signifikant von denen „normaler“ Menschen unterschieden. Auch diese Nebelzustände, die ich oben beschrieben habe, sind eine Art Schwäche der Konzentrationskontrolle. Ein anderer Extremzustand der Konzentration wäre die Trance, wie man sie manchmal erlebt, wenn man völlig in ein Buch vertieft ist oder ins Malen oder Musik machen, so dass man jedes Zeitgefühl verliert. Archimedes soll zum Beispiel, während seine Stadt erobert und geplündert wurde, so in seine Geometrie vertieft gewesen sein, dass er zu einem römischen Soldaten nur sagte: „Störe meine Kreise nicht!“ Es war ihm völlig egal, was um ihn herum passierte, er wollte seinen mathematischen Beweis zu Ende bringen. Der wohl etwas einfältige Römer fühlte sich daraufhin wohl in seinem Stolz verletzt und tötete diesen scheinbar aufmüpfigen Besiegten, was er später, als man ihm sagte, dass es Archimedes war, bitter bereuen sollte. Immerhin war das auch der Mann, der geniale Kriegsmaschinen entwarf. Der verantwortliche römische Feldherr muss jedenfalls sehr sauer gewesen sein. Kleiner Exkurs.

Ich werde es einmal für ein paar Wochen ausprobieren, mit meiner Konzentration fangen zu spielen, besonders in angstauslösenden Situationen.

Von anziehenden und abstoßenden Kräften – Beziehungen und Beziehungsunfähigkeit (Teil 3)

Zwei weitere Fälle aus zweiter Hand und ein wenig über die wohl schlimmste Form von einer Beziehung der Anziehung und Abstoßung: Die, bei der ein Partner abhängig ist von einem Partner, der ihn schlägt und eventuell auch vergewaltigt.

Dieses mal geht es um einen jungen Mann. Nach 10 Jahren geht seine Beziehung in die Brüche. Obwohl sie es ist, die extrem unter seinen Fremdflirtereien leidet, beendet er die Beziehung, weil er wiederum unter seinem schlechten Gewissen ihr gegenüber leidet. Das Ende ist schmerzhaft, aber freundschaftlich. Beide schätzen einander weiterhin und bleiben in Kontakt. Seit dieser Beziehung stößt ihn die Idee, eine feste Partnerin zu haben, ab. Allerdings ist er viel auf Tinder unterwegs, sehr erfolgreich bei den Frauen und so quasi nie ohne Affäre, von denen eine mehrere Monate hielt, aber nur, weil er nach diesen Monaten zu einer einjährigen Weltreise aufbrach und es für beide von Vornherein klar war, dass die Beziehung dann beendet würde. Sein großer Erfolg bei den Frauen besteht einerseits darin, dass er gut aussieht, aber vor allem auch darin, dass er sehr gut zuhören kann, Traurigkeit, Angst und generell Probleme versteht, interessiert nachfragt, gute Ratschläge gibt und sehr offen von seiner eigenen Geschichte erzählt. Frauen sehen sehr schnell in ihm eine Art Seelenverwandten und auch jemand verletzlichen: Er kann einem also helfen und einen beschützen und zusätzlich weckt er den Beschützerinstinkt der Frauen: „Mit meiner Liebe kann ich ihm sicherlich sein Leid erträglicher machen“. Ein explosives Gemisch, das vielen Frauen sofort die Verliebtheitshormone ins Blut schießen lässt. Umso härter dann die Enttäuschung darüber, dass dieser perfekt Kerl sich nicht feste binden möchte. Obwohl er so schon einer sehr hohen Anzahl von Frauen großen Liebeskummer bereitet hat, sieht er sich selbst gerne in der Rolle des Frauenretters. Er erklärt das mit seinen Kindheitserlebnissen. Sein Vater schlug regelmäßig seine Mutter und drohte in Wutkrisen und unter Alkoholeinfluss regelmäßig, die gesamte Familie und sich selbst umzubringen. Bis heute leidet er deshalb unter Panikattacken, vor allem an öffentlichen Plätzen mit vielen unbekannten Personen. Durch die Weltreise will er sich übrigens auch ganz bewusst dieser Angst stellen. Zusätzlich hätte er natürlich gerne als Kind seine Mutter beschützt und lebt diesen so großen Wunsch heute aus, indem er möglichst vielen Frauen warme Worte und Umarmungen schenkt. Warum langt hierfür nicht eine feste Partnerin? Wahrscheinlich, weil das Verliebtsein dort nachlässt und die Verantwortung, die man für den anderen übernehmen muss und die man als Druck spüren kann, zunimmt. Gerade diese unbeschwerte Verliebtheit wirkt auf ihn aber wie eine Droge (vielleicht eine Mischung aus der üblichen Selbstwertbestätigung, die man genießt, wenn ein anderer in einen verliebt ist und der Befriedigung, einer Frau mit ihren Problemen helfen zu können – was er als Kind nicht konnte und zusehen musste, wie sein Vater seine Mutter psychisch wie physisch zerstörte). Eine Droge, mit der er sein Trauma, das täglich getriggert wird, etwas sedieren kann.

Und noch einmal eine Frau: Von außen wirkt es wie verhext. Seit Jahren scheint sie sich immer nur unglücklich zu verlieben. Ein Partner, mit dem sie eine jahrelange Affäre hatte, war bereits verheiratet und Familienvater. Als der sich dann aber tatsächlich von seiner Frau trennte und sich für sie entschied, ja sogar die Kinder vorstellte, da wollte sie plötzlich nicht mehr, meinte, die Gefühle wären nicht mehr da. Auch beim nächsten Partner stellte sich nach ein paar Wochen heraus, dass er bereits in einer festen Beziehung war, in der er auch bleiben wollte. Und wiederum der nächste wohnte in einem anderen Land und war völlig eingenommen durch seine drei Jobs, so dass kaum Zeit für Zweisamkeit blieb. Der alte Fluch: Wenn man ein Problem mit sich nicht gelöst hat, wird man immer wieder von demselben Typ angezogen. Hier vom unverfügbaren. Damit nicht genug: Wenn der unverfügbare sich verfügbar macht, verliert er seine Anziehung. Warum sie sich aber nun immer nur in diese Männer verliert, weiß weder ich noch sie. Sie wirkt eigentlich wie eine recht selbstbewusste junge Frau, die auch klar sagen kann, wonach ihr ist und was sie gerade braucht. Allerdings mag es sein, dass sie nicht alles kommuniziert und in ihr noch viele Dinge unbewusst vor sich gehen. Ein Indiz sind ihre vielen psychosomatischen Beschwerden, Schmerzen, Atemnot, Verspannungen, Kieferklemme etc..

Noch schlimmer wird dieser Fluch, wenn man immer wieder auf gewalttätige Partner trifft. Hier kenne ich zum Glück keinen, der das erlebt hat, habe aber schon sehr oft – sozusagen aus dritter Hand – davon gehört. Auffällig oft treffen dann auch im Kindesalter vergewaltigte Frauen oder Männer, später wieder auf Partner, von denen sie vergewaltigt werden. Ein zunächst so charmanter, liebender Partner stellt sich im Nachhinein als dasselbe Monster heraus, das einem als Kind Fürchterliches angetan hat. Informationen (leider wieder einmal auf Französisch) hierzu auf der Seite von Muriel Salmona (eine Seite, die in möglichst viele Sprachen übersetzt gehört). Gelegentlich stößt man auf einzelne ins Englische übersetzte Artikel, wie diesen über Trauma und Prostitution. Eben zu diesem Thema, kann ich übrigens auch den Blog von Sandra Norak sehr empfehlen, auf dem sie unter anderem erzählt, wie sie als junge Frau mit sehr fragilem Selbstwert in die Fänge eines Mannes geriet, der wusste, wie er sie von sich abhängig machen konnte und sie so schließlich in die Prostitution zwang. Heute studiert sie Jura und engagiert sich im Kampf gegen die Prostitution.

Von anziehenden und abstoßenden Kräften – Beziehungen und Beziehungsunfähigkeit (Teil 2)

Hier nun die gesammelten Informationen zum Thema aus zweiter Hand, wobei ich mit dem Fall anfange, den ich recht gut verstehe, weil er mich und meine Beziehung zumindest zum Teil auch betrifft: Sie fühlt sich oft verletzt und er hat Angst vor einer Bindung, beides bringt die Beziehung zum scheitern und das Szenario wiederholt sich für sie auch mit wechselnden Partnern immer und immer wieder. In diesem Fall kenne ich übrigens nur sie, nicht ihn. Alle betroffenen, mir bekannten Personen, die hier natürlich nicht namentlich genannt werden, kennen natürlich meine Meinung zu der jeweiligen Problematik.

Nach der üblichen Kennenlern- und Verliebtseinsphase beklagt sie immer öfter, dass er sich zurückzieht und seiner Verantwortung als Partner nicht gerecht wird, die Beziehung nicht mitträgt. In der Folge macht sie ihm häufig Vorwürfe und verhält sich ihm gegenüber bei gemeinsamen Treffen wesentlich kühler und reservierter. Das ist nun aber genau das, was ihm Beziehungen und enge Bindungen so unangenehm macht: Dass er die Verantwortung tragen muss für das Glück oder Unglück der Partnerin und dieser Verantwortung offensichtlich nicht gerecht wird. Er hat das Gefühl zu scheitern, das heißt, sein Selbstwert nimmt Schaden, indem er sich sagt: „Ich kann sie nicht glücklich machen, diese Aufgabe ist zu groß für mich.“ Er reagiert mit noch mehr Rückzug. Was auf den ersten Blick paradox erscheint: Er gesteht ihr, große Angst vor dem Verlassen-Werden zu haben. Wenn man den Rückzug aber aus der Selbstwertwunde heraus versteht, macht es Sinn. Was war nun zuerst da? Henne oder Ei – Ihr Unmut oder seine Distanziertheit? Ich denke, in beiden ist eine Art von Überempfindlichkeit. Sie nimmt vieles, was er sagt oder tut, als Verletzung und Kränkung wahr, obwohl vieles davon bestimmt mit einer ganz anderen Intention gesagt oder getan wurde oder einfach deshalb, weil er nicht wusste, was er anderes hätte sagen oder tun sollen, aus Ungeschicktheit. Noch dazu neigt sie dazu, ihre Bedürfnisse entweder kaum zu kommunizieren und davon auszugehen, dass der andere diese doch erahnen müsste oder sie reagiert sehr schnell beleidigt, etwa auf seine Aussage hin, dass sie am Samstag leider nicht Essen gehen können, da er mit seinem Kumpel mal wieder eine Motorradtour machen möchte („Wie kann er nur? Das Wochenende sollte er doch mit mir verbringen wollen!“). Er nimmt natürlich dieses Beleidigt-Sein sofort wahr und sagt sich wieder „Oh Mist, ich kann sie einfach nicht glücklich machen“. Anders würde es vielleicht verlaufen, wenn sie sein Bedürfnis, Zeit mit seinem Kumpel zu verbringen, einfach als solches annehmen, aber ihres auch klar aussprechen könnte („Ich würde dich am Wochenende trotzdem auch noch gern sehen“). Vielleicht lässt sich eine andere Lösung finden, und man trifft sich am Sonntag. Oder eben nicht, aber es wird klar, dass ihm etwas Abstand gut täte, da er sich zum Beispiel sehr unter Druck setzt, seine Partnerin glücklich machen zu wollen und Angst vor einem neuen Scheitern hat. Dagegen führt das Sich-Verletzt-Fühlen und Beleidigt-Sein dazu, dass man zum Beispiel versucht, seinen leidenden Selbstwert damit zu reparieren, dass man den des anderen angreift. Die Rache des Stolzes. In diesem Fall endete es mit ihrer Aussage: „Er hatte immer Angst davor, verlassen zu werden, jetzt hat er es geschafft, verlassen zu werden. Ich habe mit ihm Schluss gemacht.“ Und beide tragen schwere Verletzungen von der Beziehung.

Fall Nummer zwei: Sie hat einen Wunsch nach einer festen Partnerschaft, die sich aber noch nie ergeben hat. Stattdessen verreist sie im Urlaub und lernt dort Männer kennen, mit denen sich Sex-Treffen ergeben. Mit einigen trifft sie sich seit einigen Jahren regelmäßig, aber immer nur im Abstand von einigen Monaten. Trotz des Wunsches nach einem festen Partner, betont sie aber auch immer wieder, dass ihr ihre Freiheit sehr wichtig ist. Wenn sie von den Männern spricht, die sie kennen lernt, erwähnt sie oft, dass sie das Gefühl hat, in deren Augen nur ein Stück Fleisch zu sein. Sehr schnell fallen ihr an Männern negative Eigenschaften auf: „Also bei Tageslicht schaut er schon ganz schön hager aus“, „Ich glaube der X ist ein ziemlicher Nerd“. Männer, die sich offensichtlich in sie verliebt haben, stoßen sie sofort ab. Allein die Tatsache, dass ein Mann ihre Nähe sucht, macht ihr Panik. Annäherung läuft also nur, wenn klar ist, dass es auf eine Sex-Geschichte hinausläuft und erst einmal nicht auf mehr. Und da fällt einem schon auf, dass sie damit genau das sucht, was sie beklagt, wenn sie sagt, dass sie das Gefühl hat, in den Augen der Männer nur ein Stück Fleisch zu sein. Zwei dieser Männer habe ich auch kurz gesehen und ja, sie gehören halt zur Anbaggerfraktion. Was ist hier jetzt eigentlich los? Eine mögliche Theorie: Generell kommt es bei ihr häufig vor, dass sie sich in einer bestimmten sozialen Situation entsprechend einer Rolle verhält, von der sie glaubt, dass sie in dieser Situation angemessen ist. Bei Feiern wird sie die Rolle übernehmen, gute Laune zu verbreiten – auch wenn sie schlecht gelaunt ist – , wenn sie zu sich nach Hause einlädt, präsentiert sie sich als großzügige Gastgeberin, und Männern gegenüber begibt sie sich in eine Frauenrolle, in der sie verführt werden möchte. Es ist nicht so, dass sie nicht authentisch wäre, sie ist großzügig und oft gut gelaunt, aber sie zeigt immer nur eine sehr gefilterte Version von sich selbst. Und vielleicht ist die einzige Frauenrolle, die sie sich für sich vorstellen kann die, sich verführen zu lassen. Das ist die Interaktion zwischen Frau und Mann, die sie kennt und die ihr damit Sicherheit gibt, auch wenn es eine Interaktion ist, in der sie als Objekt und nicht als Subjekt behandelt wird und in der auch sie dazu neigt, die Männer als Objekte und nicht als Subjekte wahrzunehmen (das merkt man daran, wie sie über sie spricht). Dieser eine Moment, den man durchlebt, wenn man an jemandem interessiert ist, der Moment, in dem man durch eine Geste, einen Blick, ein Wort oder eine Mail offenbart, dass einem etwas an dem anderen liegt, der Moment, in dem man sich verletzlich macht, der ist für sie unvorstellbar. Also wird der Selbstwert geschützt und jede Annäherung besteht nicht aus einem Öffnen des Herzens sondern aus immer derselben Wiederholung eines Theaterstücks, in der die Schauspieler, sie wie er austauschbar – also Objekte und keine Subjekte – sind.

 

Schon wieder über 1000 Wörter und immer noch nicht durch mit dem Thema… Mal sehen, vielleicht gibt es noch einen Teil 3.

Von anziehenden und abstoßenden Kräften – Beziehungen und Beziehungsunfähigkeit (Teil 1)

Angeregt durch May DelC – Danke dir!

„Ich wünsche mir eine Beziehung und gleichzeitig habe ich Angst davor.“ In diesem schmerzhaften Zwiespalt lebte ich jahrelang und auch in meinem näheren Umkreis ist die „Beziehungsunfähigkeit“ ein großes Thema. Hier eine kleine Analyse meiner Situation und der einiger Freunde (im Teil 2), soweit ich sie verstehe. Beziehungen sind schon eine ganz schön komplexe Angelegenheit!

Kurzer Abriss meiner emotionalen Lage zu Beginn und in der Pubertät, um meine völlige Überforderung mit dem Thema Liebe und Beziehung zu verstehen: Ich war ein vernachlässigtes Kind, nicht materiell, aber emotional. Gefühle waren einfach kein Thema, vor allem nicht die negativen. Ist auch noch Mal ein Thema für sich. Das Ergebnis war jedenfalls, dass ich mich als Teenager sehr entfremdet gefühlt habe und mir meine Gefühle kaum bewusst waren, sie wurden ja nie verbalisiert. Das einzige, was ich gespürt und als Gefühl erkannt – aber damals nicht so benannt habe, war ein Gefühl der Entfremdung (alle anderen waren, was die Sozialkompetenz anging, einfach auf einem ganz anderen Level als ich, sie wussten, wie man sich in einer Gruppe verhält und gegenüber Autoritäten, sie wussten, wie man seine Bedürfnisse äußert, waren sich ihrer Gefühle bewusst und trauten sich, diese zu äußern – nicht ich). Meine Methode, damit umzugehen, war der Rückzug. Ich mied alle Kontakte, die mir das Gefühl gaben, anders zu sein und keinerlei Kontrolle zu haben. Als dann alle um mich herum auch noch anfingen, erste Liebeleien zu leben, hatte ich noch größere Angst, so anders und wertlos zu sein, dass mich keiner haben will. Da war ich also, ein Mädchen, das sich für das schämte, was es war, noch dazu auch für seinen Körper und einen Partner wollte, weil die Partnerlosigkeit sonst die schmerzhafte Bestätigung für seine Andersartigkeit und Wertlosigkeit gewesen wäre. Und da war er, der Zwiespalt: Ich wollte eine Beziehung, denn ich wollte unbedingt einen Beweis dafür, dass ich auch etwas wert bin, ich wollte auch eine Beziehung weil ich mich körperlich von manchen Jungs in meinem Alter angezogen fühlte und ich fühlte mich zu ihnen auch von ihrer Art her angezogen (es waren sehr selbstsichere und intelligente Jungs), und gleichzeitig setzte beim Gedanken an eine Beziehung ein Fluchtreflex ein. Da war die große Angst, meinen von mir als nicht akzeptabel deklarierten Körper, offenbaren zu müssen, da war die Angst vor dem Kontrollverlust, denn ich wusste nicht, was in einer Beziehung von mir erwartet würde oder was ich mit dem Typen dann anfangen sollte, da war ebenfalls Angst beim Thema Sex, denn was daran so toll sein sollte, fand ich erst fast 10 Jahre später heraus und da war natürlich vor allem die größte Angst: Verlassen zu werden und damit die Bestätigung der Wertlosigkeit zu erhalten. Diese ganzen Ängste führten dazu, dass ich in einer Partnerschaft extrem gestresst war und ich mich wie unter Hochdruck ständig darum bemühte, das zu tun, was ich dachte tun zu müssen, um dem anderen zu gefallen. Und damit machte ich genau das unmöglich, was ich so sehr wollte: Eine vertraute, intime Beziehung. Die besteht ja zum großen Teil gerade darin, dass man mit dem anderen teilt, was man fühlt und welche Bedürfnisse man hat und man erkennt ja genau daran, dass man den richtigen / die richtige gefunden hat, wenn der oder die einen eben besser versteht als die meisten anderen und wenn er / sie ähnliche Interessen teilt. Wie aber sagen, wie man sich fühlt oder was man gerade denkt, wenn das einzige, was man fühlt eine immense Angst ist und man sich aber genau dafür so schämt und das genau das ist, was man mit aller Kraft verbergen möchte? Und wie sagen – ja überhaupt fühlen –, welche Bedürfnisse man gerade hat, wenn der einzige Fokus darauf liegt, zu erahnen, welche der andere hat, um denen irgendwie gerecht zu werden? Die richtige Entscheidung wäre gewesen, die Scham zu überwinden und dem Partner von eben genau diesen Ängsten zu erzählen. Unmöglich für mich damals. So quälte ich mich von Kurzbeziehung zu Kurzbeziehung, litt fürchterlichen Liebeskummer und hatte bald auch psychosomatische Beschwerden.

Was war anders bei meinem jetzigen Partner? Am Anfang war es genauso stressig wie immer, aber ich hatte Zeiten, in denen ich mich wieder entspannen konnte, da wir im ersten Jahr eine Fernbeziehung hatten und – er hat mich nicht ständig gefragt, wie ich mich fühle und was ich gerade denke! Das waren immer die Fragen, die mir am meisten Angst gemacht haben. Er hat zwar gesagt, ich wäre etwas mysteriös, aber er hat mich nicht bedrängt. Das auch, weil er nach eigener Aussage ein Einzelgänger ist, was für den Anfang der Beziehung ein wahrer Segen war. Wenn wir zusammen waren, ist er auch oft einfach seinen Interessen nachgegangen und entweder ich habe ihm dabei Gesellschaft geleistet oder ich habe meine Sachen gemacht, was er auch nicht schlimm fand. Jeder hatte viel Luft und ich meine Zeit und meinen Raum zum Auftauen. Später hat sein Einzelgänger-Charakter so manche Krise bei mir ausgelöst, weil es mir dann – einmal aufgetaut und entspannt – wiederum zu wenig zweisam war. Mittlerweile kann ich aber halbwegs damit umgehen (und es wäre ja auch etwas fies, sich jetzt darüber zu beschweren, wo ich es am Anfang doch so sehr gebraucht habe) und ich muss eh auch noch selbst weiter an meiner Offenheit arbeiten und daran, mich nicht dafür zu schämen, was mich beschäftigt.

Soweit der erste Teil.

Versteckte Aggressionen – die Wut der „Netten“

Sie schlägt keinen, sie schreit nicht, sie ist einverstanden mit fast allem, was man ihr vorschlägt, hat selbst kaum Ansprüche – was für eine nette Person! Leute, die mich nicht gut kannten, konnten schon mal diesen Eindruck von mir haben. Das hat sich zum Glück ein gutes Stück verändert. Nicht, weil ich nicht nett sein möchte, sondern weil ich weiß, wie viele versteckte Aggressionen hinter so einem Verhalten zu finden sind. In Wirklichkeit war es also eine Befreiung von wenig hilfreichen und oft alles noch verschlimmernden Aggressionen. Hier eine kleine Auflistung von Aggressionsformen, die ich alle irgendwie kennen gelernt, aber nicht alle auch selbst praktiziert habe.

• Passiv-aggressiv: Ein Paar hat Streit. Danach fährt sie noch nachts bei Schnee mehrere hundert Kilometer mit dem Auto nach Hause zu ihren Eltern. Auf die Nachricht ihres Freundes, ob sie gut angekommen wäre, antwortet sie nicht. Soll er sich ruhig schlecht fühlen und sich Sorgen machen! Sie greift ihn damit nicht aktiv an, bestraft ihn aber sozusagen durch die Unterlassung eines erwarteten Verhaltens. Ähnlich wäre es, sehr lange mit der Antwort auf ein Entschuldigungsschreiben zu warten. Oder nach einem Streit so lange unterwegs sein, dass der andere beginnt, sich Sorgen zu machen. Soll er oder sie sich doch ruhig noch etwas schlecht fühlen. Oder auch: Zwei Freundinnen treffen sich einmal pro Wochen zum Kaffeetrinken. Beim letzten Treffen sagte die eine etwas zur anderen, was sie kränkte. Die gekränkte Freundin spricht diese Kränkung aber nicht aus, wird vielleicht nur etwas kühler. Das nächste Treffen sagt sie kurz vorher ab. Soll die Freundin doch ruhig schön enttäuscht sein und sich ihren Tag neu planen müssen! Manchmal werden auch Informationen zurückgehalten. Nach einem Streit, einer Enttäuschung oder einer Kränkung bricht ein Freund oder Partner zum Bahnhof auf. Der oder die passiv-aggressive weiß, dass es dort momentan Bauarbeiten gibt und ein anderer Fahrplan gilt, behält es aber für sich: Soll er /sie doch ein paar Stunden am Bahnsteig stehen!

 

• Autoaggression: Aus Wut gegen sich oder andere, verletzt man sich selbst. Die Verletzung soll zum Beispiel den bestrafen, auf den man sauer ist – eine Anorexie kann etwa damit beginnen, dass ein Teenager das Essen verweigert, um seinen Eltern eine große Unzufriedenheit auszudrücken. Indem er / sie sich Schaden zufügt, möchte er / sie seinen / ihren Eltern weh tun. Auch kann es passieren, dass man mehr oder weniger diffuse Schuldgefühle ansammelt, durch nicht erfüllbare Erwartungen anderer oder an sich selbst und sich dadurch ein so enormer innerer Druck aufbaut, dass versucht wird, ihn mit selbstverletzendem Verhalten abzubauen. Selbstbestrafung durch Schmerzen. Generell lenkt natürlich ein großer körperlicher Schmerz von einem seelischen ab, allerdings ohne ihn zu beheben. Noch dazu kann man durch die körperlichen Verletzungen den seelischen Schmerz sichtbar machen und Aufmerksamkeit erregen, still um Hilfe rufen. Schließlich kenne ich dann noch die nichtbeabsichtigte Selbstverletzung. Mir ist es schon häufiger passiert, dass ich nach einem Streit zum Beispiel beim Abspülen ein Glas zerbrochen und mich daran geschnitten habe oder mich auch beim Kochen beim Schneiden mit dem Messer verletzt habe. Das mag stressbedingte Unvorsichtigkeit gewesen sein, aber auch eine gewisse Autoaggressivität: „Ich bin heute nicht vorsichtig – soll doch ruhig was passieren.“

• Neid, Missgunst: Was für böse Dinge kann man anderen Wünschen, wenn man sich vom Schicksal oder seinem Freundes- oder Familienkreis ungerecht behandelt fühlt. Man stelle sich vor, alle aus Neid gedachten Flüche und bösen Wünsche würden in Erfüllung gehen – da wäre wahrscheinlich nicht mehr viel übrig auf dieser Welt. Ich kann es nicht haben – dann soll es auch kein anderer haben. Oder wenn er schon so hübsch ist, dann soll er wenigsten keinen guten Job bekommen etc. Oder man freut sich plötzlich über das Unglück von jemandem. Das ist so böse! Aber so häufig zu finden (vgl. auch die Themen von Zeitschriften wie InTouch…). Und wohl vor allem dann die Hauptnahrung für den Selbstwert, wenn der nicht gerade der stabilste ist. Eine der größten Motivationen, den Selbstwert wieder halbwegs gerade zu biegen!

• Ständige Angst und Misstrauen den anderen gegenüber: Es ist nicht direkt eine Form der Aggression, aber letztendlich erhöht es die Bereitschaft zur Aggression, wenn man sich ständig durch andere bedroht sieht. Ich kenne zum Beispiel eine junge Frau mit einer sehr ausgeprägten Sozialphobie. Sie konnte bis vor kurzem kaum einen Satz sagen, ohne in die Außenperspektive zu wechseln, was dann in etwa so klingen konnte: „Mit den Zöpfen sehe ich aus wie Pippi Langstrumpf. Ok, Pippi ist hübscher. Nicht, dass ich sagen will, ich wäre irgendwie hübsch. Egal, ich fühle mich jedenfalls wie sie mit der Frisur.“ Sie musste bei fast allem, was sie sagte, noch einmal klarstellen, dass es auf keinen Fall überheblich gemeint war. Wahrscheinlich aus einer ständigen Sorge heraus, von anderen für überheblich, selbstüberschätzend und arrogant gehalten zu werden, wovon sie weit entfernt ist. Das mag wieder irgendwie nett klingen, aber eigentlich ist es den anderen gegenüber nicht fair (abgesehen davon, dass es auch ganz schön nervig sein kann). Im Umkehrschluss heißt es ja, dass sie den anderen immer unterstellt, negativ über sie zu denken. Natürlich kommt das vor, aber mit Sicherheit nicht in dem Maß.

• Völlige Abwertung einer Person nach Enttäuschung: Typisch Borderline, sagt man. Vor allem einem nahestehende Personen werden nach einer Enttäuschung komplett entwertet. Wenn es der Partner ist, wird sofort an Trennung gedacht. Oft ist die Entwertung mit dem Gedanken „Du verstehst mich eh nicht“ verbunden.

Und wie wird man sie los, die Aggressionen? Bei mir ist vieles besser geworden dadurch, dass ich gelernt habe meine Wünsche, Bedürfnisse, Erwartungen und Unzufriedenheiten halbwegs vernünftig zu kommunizieren. Früher habe ich meistens schon aufgegeben, bevor ich mit der betreffenden Person überhaupt darüber gesprochen habe. Ich habe mir vorgestellt, wie ich meinen Wunsch äußere und gleich mit dazu, wie mein Gegenüber sofort schlecht auf den Wunsch reagiert und ihn ablehnt. Was wohl auch eingetreten wäre, denn ich hätte mich schon beim Fragen schuldig gefühlt. Dann hätte ich spätestens an diesem Punkt aufgegeben. Heute weiß ich, dass man viel weiter kommt und es im Endeffekt für beide Parteien besser ist (denn sonst endet es ja nur in der Aggression), wenn man seinen Wunsch mit einem gewissen inneren Schwung präsentiert und mit Vorfreude. Und man darf auch einen Wunsch öfter zur Diskussion stellen, ein bisschen Penetranz zeigen oder einen Kompromiss anbieten (Ok, heute gehen wir nicht zusammen essen, aber vielleicht am Wochenende, wenn du mehr Zeit hast?). Die Haltung, mit der man hierbei auftritt, macht den großen Unterschied. Und die muss man ganz schön üben, wenn man sie nicht zu dem Zeitpunkt in der Kindheit gelernt hat, zu dem man sie hätte lernen sollen.

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑