Von anziehenden und abstoßenden Kräften – Beziehungen und Beziehungsunfähigkeit (Teil 2)

Hier nun die gesammelten Informationen zum Thema aus zweiter Hand, wobei ich mit dem Fall anfange, den ich recht gut verstehe, weil er mich und meine Beziehung zumindest zum Teil auch betrifft: Sie fühlt sich oft verletzt und er hat Angst vor einer Bindung, beides bringt die Beziehung zum scheitern und das Szenario wiederholt sich für sie auch mit wechselnden Partnern immer und immer wieder. In diesem Fall kenne ich übrigens nur sie, nicht ihn. Alle betroffenen, mir bekannten Personen, die hier natürlich nicht namentlich genannt werden, kennen natürlich meine Meinung zu der jeweiligen Problematik.

Nach der üblichen Kennenlern- und Verliebtseinsphase beklagt sie immer öfter, dass er sich zurückzieht und seiner Verantwortung als Partner nicht gerecht wird, die Beziehung nicht mitträgt. In der Folge macht sie ihm häufig Vorwürfe und verhält sich ihm gegenüber bei gemeinsamen Treffen wesentlich kühler und reservierter. Das ist nun aber genau das, was ihm Beziehungen und enge Bindungen so unangenehm macht: Dass er die Verantwortung tragen muss für das Glück oder Unglück der Partnerin und dieser Verantwortung offensichtlich nicht gerecht wird. Er hat das Gefühl zu scheitern, das heißt, sein Selbstwert nimmt Schaden, indem er sich sagt: „Ich kann sie nicht glücklich machen, diese Aufgabe ist zu groß für mich.“ Er reagiert mit noch mehr Rückzug. Was auf den ersten Blick paradox erscheint: Er gesteht ihr, große Angst vor dem Verlassen-Werden zu haben. Wenn man den Rückzug aber aus der Selbstwertwunde heraus versteht, macht es Sinn. Was war nun zuerst da? Henne oder Ei – Ihr Unmut oder seine Distanziertheit? Ich denke, in beiden ist eine Art von Überempfindlichkeit. Sie nimmt vieles, was er sagt oder tut, als Verletzung und Kränkung wahr, obwohl vieles davon bestimmt mit einer ganz anderen Intention gesagt oder getan wurde oder einfach deshalb, weil er nicht wusste, was er anderes hätte sagen oder tun sollen, aus Ungeschicktheit. Noch dazu neigt sie dazu, ihre Bedürfnisse entweder kaum zu kommunizieren und davon auszugehen, dass der andere diese doch erahnen müsste oder sie reagiert sehr schnell beleidigt, etwa auf seine Aussage hin, dass sie am Samstag leider nicht Essen gehen können, da er mit seinem Kumpel mal wieder eine Motorradtour machen möchte („Wie kann er nur? Das Wochenende sollte er doch mit mir verbringen wollen!“). Er nimmt natürlich dieses Beleidigt-Sein sofort wahr und sagt sich wieder „Oh Mist, ich kann sie einfach nicht glücklich machen“. Anders würde es vielleicht verlaufen, wenn sie sein Bedürfnis, Zeit mit seinem Kumpel zu verbringen, einfach als solches annehmen, aber ihres auch klar aussprechen könnte („Ich würde dich am Wochenende trotzdem auch noch gern sehen“). Vielleicht lässt sich eine andere Lösung finden, und man trifft sich am Sonntag. Oder eben nicht, aber es wird klar, dass ihm etwas Abstand gut täte, da er sich zum Beispiel sehr unter Druck setzt, seine Partnerin glücklich machen zu wollen und Angst vor einem neuen Scheitern hat. Dagegen führt das Sich-Verletzt-Fühlen und Beleidigt-Sein dazu, dass man zum Beispiel versucht, seinen leidenden Selbstwert damit zu reparieren, dass man den des anderen angreift. Die Rache des Stolzes. In diesem Fall endete es mit ihrer Aussage: „Er hatte immer Angst davor, verlassen zu werden, jetzt hat er es geschafft, verlassen zu werden. Ich habe mit ihm Schluss gemacht.“ Und beide tragen schwere Verletzungen von der Beziehung.

Fall Nummer zwei: Sie hat einen Wunsch nach einer festen Partnerschaft, die sich aber noch nie ergeben hat. Stattdessen verreist sie im Urlaub und lernt dort Männer kennen, mit denen sich Sex-Treffen ergeben. Mit einigen trifft sie sich seit einigen Jahren regelmäßig, aber immer nur im Abstand von einigen Monaten. Trotz des Wunsches nach einem festen Partner, betont sie aber auch immer wieder, dass ihr ihre Freiheit sehr wichtig ist. Wenn sie von den Männern spricht, die sie kennen lernt, erwähnt sie oft, dass sie das Gefühl hat, in deren Augen nur ein Stück Fleisch zu sein. Sehr schnell fallen ihr an Männern negative Eigenschaften auf: „Also bei Tageslicht schaut er schon ganz schön hager aus“, „Ich glaube der X ist ein ziemlicher Nerd“. Männer, die sich offensichtlich in sie verliebt haben, stoßen sie sofort ab. Allein die Tatsache, dass ein Mann ihre Nähe sucht, macht ihr Panik. Annäherung läuft also nur, wenn klar ist, dass es auf eine Sex-Geschichte hinausläuft und erst einmal nicht auf mehr. Und da fällt einem schon auf, dass sie damit genau das sucht, was sie beklagt, wenn sie sagt, dass sie das Gefühl hat, in den Augen der Männer nur ein Stück Fleisch zu sein. Zwei dieser Männer habe ich auch kurz gesehen und ja, sie gehören halt zur Anbaggerfraktion. Was ist hier jetzt eigentlich los? Eine mögliche Theorie: Generell kommt es bei ihr häufig vor, dass sie sich in einer bestimmten sozialen Situation entsprechend einer Rolle verhält, von der sie glaubt, dass sie in dieser Situation angemessen ist. Bei Feiern wird sie die Rolle übernehmen, gute Laune zu verbreiten – auch wenn sie schlecht gelaunt ist – , wenn sie zu sich nach Hause einlädt, präsentiert sie sich als großzügige Gastgeberin, und Männern gegenüber begibt sie sich in eine Frauenrolle, in der sie verführt werden möchte. Es ist nicht so, dass sie nicht authentisch wäre, sie ist großzügig und oft gut gelaunt, aber sie zeigt immer nur eine sehr gefilterte Version von sich selbst. Und vielleicht ist die einzige Frauenrolle, die sie sich für sich vorstellen kann die, sich verführen zu lassen. Das ist die Interaktion zwischen Frau und Mann, die sie kennt und die ihr damit Sicherheit gibt, auch wenn es eine Interaktion ist, in der sie als Objekt und nicht als Subjekt behandelt wird und in der auch sie dazu neigt, die Männer als Objekte und nicht als Subjekte wahrzunehmen (das merkt man daran, wie sie über sie spricht). Dieser eine Moment, den man durchlebt, wenn man an jemandem interessiert ist, der Moment, in dem man durch eine Geste, einen Blick, ein Wort oder eine Mail offenbart, dass einem etwas an dem anderen liegt, der Moment, in dem man sich verletzlich macht, der ist für sie unvorstellbar. Also wird der Selbstwert geschützt und jede Annäherung besteht nicht aus einem Öffnen des Herzens sondern aus immer derselben Wiederholung eines Theaterstücks, in der die Schauspieler, sie wie er austauschbar – also Objekte und keine Subjekte – sind.

 

Schon wieder über 1000 Wörter und immer noch nicht durch mit dem Thema… Mal sehen, vielleicht gibt es noch einen Teil 3.

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